Kultur : „Ich werde niemals Opfer, niemals“

Wie Töchter alkoholkranker Väter ihre Kindheit sehen: eine psychologische Studie

Gesche Westphal

„Ich war gut gelaunt, immer ein bisschen witzig.“ So erinnert sich Anna*, eine 33-jährige Psychologin, an ihre Kindheit. Sie ist verheiratet und hat einen vierjährigen Sohn – viele würden sie auf den ersten Blick um ihr Leben beneiden. Doch hinter der scheinbar perfekten Fassade verbergen sich die Spuren einer zum Teil schwierigen Kindheit, die von der Alkoholsucht des Vaters überschattet wurde. Vordergründig hat Anna ihr Leben gut im Griff, doch die Erfahrungen ihrer Kindheit beeinträchtigen sie noch heute: „Ich bin sehr ängstlich, bin ja auch mit vielen Ängsten und Sorgen aufgewachsen.“ Nach der Geburt ihres Kindes spitzte sich ihre Lage zu: „Ich war sehr erschöpft, konnte kaum richtig schlafen – ich musste mir therapeutische Hilfe suchen.“

„Supermädchen“ im Studium

Die Politologin Marita Ripke untersuchte in ihrer Dissertation an der Freien Universität Berlin, wie Angehörige diese schwierige Familienkonstellation verarbeiten und wie sie ihre Vergangenheit beeinflusst. Ihr Interesse galt insbesondere den Töchtern alkoholkranker Eltern. Marita Ripke untersuchte die Lebensgeschichten von vier Frauen zwischen 33 und 38 Jahren, die mit einem alkoholkranken Vater aufwuchsen. Die Forscherin kommt zum Ergebnis, dass die Frauen dazu neigen, das Thema Alkoholkrankheit zurückzustellen oder zu verharmlosen, und dass sie versuchen, diesen Punkt durch stark positive Hervorhebung anderer Aspekte in ihrem Leben zu kompensieren.

Sie stellten sich als „Supermädchen“ in Studium und Beruf dar: „Es klappte alles ganz prima.“ Auffällig in den Erzählungen ist, dass die Alkoholkrankheit durchgängig ausgespart wird. Um den Vater zu beschreiben, benutzen die Frauen milde oder beschönigende Ausdrücke, zum Beispiel beschreiben sie ihn als „nicht nüchtern“ und nicht als „betrunken“. Wurde er aggressiv und schlug Familienmitglieder, bezeichnen sie das als „hauen“ und nicht als „schlagen“ oder „prügeln“. Sein durch die Sucht verändertes Verhalten interpretieren sie viel lockerer.

Die Politologin beobachtet in den Erzählungen eine Taktik, die sie als „Schaukelbewegung“ bezeichnet: Negativen Erlebnissen werden stets positive Aspekte gegenübergestellt. Wenn Anna zum Beispiel erzählt, dass ihr Vater nach der Arbeit „nicht nüchtern“ nach Hause kam und es zu Aggressivität und Streit in der Familie kam, fügt sie hinzu, dass die Wochenenden dafür „ausgesprochen schön“ gewesen seien, da habe der Vater „den Pegel nicht überschritten“. In der Erinnerung erscheint die Kindheit insgesamt als „schön“ und dabei wird eine besondere Betonung auf die erfolgreichen Anteile der Lebensgeschichte gelegt. In keinem einzigen Fall erwähnen die Frauen, dass sie als Mädchen Angst vor dem trinkenden Vater gehabt hätten. Bei einer Frau kommt es sogar zur Idealisierung. „Ich bin sein Prinzesschen von Anfang an gewesen und bin es auch geblieben“, sagt Anna.

Die Frauen erzählen aber auch von Problemen wie Depressionen, Angst, Essstörungen oder von Schwierigkeiten, sich auf Nähe in einer Partnerschaft einzulassen. Den Aspekt der Bewältigung oder einer Behinderung erwähnen sie jedoch nicht. Auch der Umstand, dass sie es „trotz“ elterlicher Alkoholkrankheit geschafft haben, spielt in ihrer Erzählung keine Rolle. Ganz im Gegenteil, sie versuchen nach außen hin den Eindruck von Normalität und Selbstkontrolle zu erzeugen. „Ich war Klassensprecherin, ich kam eigentlich immer sehr gut zurecht. ,Ich hab’s im Griff!’, das war für mich ein ganz entscheidendes Gefühl“, fasst die 35-jährige Emmi* zusammen, die Germanistik, Mathematik und Psychologie studierte.

Ungeheure Willensanstrengung

Die Forscherin stuft die übertrieben positiven Inszenierungen der Kindheit als Distanzierungsbemühung zur problematischen Vergangenheit der Frauen ein. Als Kompensationsverhalten ist dabei die eigene Rollendarbietung der Frauen, nämlich als kräftige, starke und aktive Person, zu verstehen. Sie kann aber auch Indikator für seelische Wunden sein, die ein Mensch davon trägt, dessen Kindheit durch elterlichen Alkoholismus beeinträchtigt wurde. Die Erinnerungen daran wirken sich noch Jahrzehnte später auf die Frauen aus: „Ich war oftmals Anstoß der Wut- und Gewaltausbrüche meines Vaters und fühlte mich schuldig, wenn meine Mutter und Schwester auch betroffen waren. Eigentlich habe ich heute noch Schuldgefühle deswegen“, sagt Emmi.

Dass die Fassade einer immer starken und selbst bestimmten Person eine ungeheure Willensanstrengung kostet, wird in den Erzählungen der Frauen deutlich. Emmi kann sich noch erinnern, wie und wann sie sich dazu entschloss, sich nur noch auf sich selbst zu verlassen. Ihr Vater prügelte eines Nachts nach einem Alkoholexzess auf ihre Mutter ein. Als Siebenjährige musste sie barfuß durch den Schnee zur Telefonzelle laufen, um Hilfe zu rufen. Da habe sie sich geschworen: „Ich werde niemals Opfer, niemals.“

* Namen geändert

Marita Ripke: „. . . ich war gut gelaunt, immer ein bisschen witzig." Eine qualitative Studie über Töchter alkoholkranker Eltern. Psychosozial-Verlag, 36 Euro.

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