Kultur : Ich werde wahnsinnig!

Gnadenlos: John Dews Version von Bellinis „Puritani“ an der Deutschen Oper Berlin

Sybill Mahlke

Wo alles dunkel ist, gibt es keine Amnestie und kein Glück auf Erden. Denn der Regisseur John Dew, der sein in Wien durchgespieltes Konzept der „Puritani“ nach Berlin mitgebracht hat, versagt den Liebenden und der Oper von Vincenzo Bellini ihr Happy End.

Kein Zufall, dass damit eine Verwandtschaft des Werkes mit Giacomo Meyerbeers „Hugenotten“ betont wird, dem Sensationserfolg, den Dew 1987 an der Deutschen Oper Berlin feiern konnte. Zu dem tragischen Ausgang, bei Meyerbeer komponiert, bei Dew-Bellini inszeniert, führt jeweils ein Geschichtsdrama, das persönliche Schicksale mit historischen Ereignissen verzahnt. Paris 1572, Plymouth um 1650, die Orte schienen der Rezeptionsgeschichte sogar einmal austauschbar, als sie in katholischen Gegenden die „Hugenotten“ in „Anglikaner und Puritaner“ verwandelte.

Dew will offenbar den Hintergrund intensivieren, weil religiöser Fanatismus zu bösem Ende führen muss, zumal wenn er sich mit Liebesleid und Eifersucht paart. Der Bräutigam Arturo fällt seinem politischen Gegner und frustrierten Nebenbuhler Riccardo zum Opfer, der ihn erdolcht.

Da liegt er nun im herbstlich gefärbten Laub – Herbstlaub scheint derzeit in Berlins Opernhäusern symbolistischen Wert anzunehmen, siehe: „Jenufa“ an der Behrenstraße –, die Braut über ihn geneigt, die Bühne menschenleer. Die Musik singt dagegen von Freude: „England ist frei.“

Das könnte als überlegter Kunstgriff Eindruck machen, wäre da nicht die übrige Inszenierung, der alle guten Geister des früheren Wunderregisseurs John Dew abhanden gekommen sind. Es ist schon denkwürdig, dass diese Regiehand, die einmal imstande war, Berge zu versetzen, nicht wieder zu erkennen ist. Schlimmer noch, ihr mit diesem „Puritani“-Paket an der Bismarckstraße zu begegnen. Trübe Aussichten, wenn die „künstlerische Beratung“ des Wiener Staatsopernleiters Ioan Holenders so weitergehen soll. Denn jenes Sängertheater, das er verspricht, bietet der Abend auch nur bedingt, eher mit Hängen und Würgen als mit „höchster Qualität des Angebots“.

In München, an der Bayerischen Staatsoper, ist zu erleben, wie die Bellini-Renaissance gerade mit den „Puritanern“ punktet, weil der dortige Regisseur Jonathan Miller die Musik mit einer feinen Lebendigkeit kontrapunktiert. Ein neuartiger Ernst wird beschworen. Und überhaupt: Edita Gruberova. Die hat die Elvira nicht nur in München, sondern auch in Wien gegeben – und kann schließlich nicht überall singen.

Von Wien nach Berlin übertragen, stellt die Bühne (Heinz Balthes) martialische Verhältnisse dar. Am Boden sind die Köpfe der überlebensgroßen Statuen versammelt, die für den Katholizismus standen. Dazwischen sieht man opernhaft historisierende Kostüme (José Manuel Vázques). Das düstere Bild will uns sagen, dass auch die Protestanten keine Gutmenschen sind, sondern erbitterte Bilderstürmer. Es geht um die Kämpfe zwischen den Anhängern Cromwells, den Puritanern, und den Parteigängern der absolutistisch herrschenden Stuarts.

Ein Walter-Scott-Thema, das Kantilene geworden ist. Die Reformbewegung innerhalb der Kirche von England schließt den erbitterten Bürgerkrieg ein. In der Oper bleibt die Politik im Wesentlichen Folie. Elvira, puritanisch erzogen, liebt den königstreuen Arturo Talbo, der zwischen Plicht und Neigung zu einer List greift, um die Witwe Charles I. zu retten. Elvira versteht das falsch und verliert vorüberhehend den Verstand.

Während Elviras Vater Lord Valton (Peter Klaveness) wenig Anteil am Schicksal seines Kindes nimmt, hat sie dafür einen Onkel zum Liebhaben: Sir Giorgio, eine wundervolle Basspartie, die den Berliner Armenier Arutjun Kotchinian zum Helden der Aufführung werden lässt. Soviel Inbrunst ist sonst nirgends. Chor und Orchester der Deutschen Oper begegnen sich erfolgreich mit dem Dirigenten Frédéric Chaslin, einem ehemaligen Assistentem von Pierre Boulez und Daniel Barenboim, zwei heterogenen guten Meistern, wie sich zeigt: Bei Chaslin hat der sanfte Bellini Nerv und Atmosphäre. Die vorherrschende Langsamkeit der Partitur macht es ihm allerdings nicht leicht, die Spannung zu halten, wie man sie von Marcello Viotti in München kennt.

In der Callas-Gruberova-Mosuc-Partie der Elvira hat die Amerikanerin Maureen O’Flynn zwar weniger Dramatik, überstrahlt aber mit ihrem koloraturbegabten Sopran die Szenen und Ensembles. Die Gesänge, die Elviras Gemütskrankheit seufzend spiegeln, singt Maureen O’Flynn mit sinnlicher Wärme.

Damit sind die musikalischen Annehmbarkeiten weitgehend abgehakt. Denn Roberto Servile als unglücklich liebender Sir Riccardo müht sich mit knarzigem Bariton durch den Abend, während José Sempere für die Largo-Partie des Arturo zwar gestemmte Höhe, aber keinen Schmelz hat: In der Erscheinung höchstens ein Tenor vom Dienst.

Auf der weiten Bühne: Aufmärsche, gelangweiltes Schreiten, trostlose Symmetrie. Die Personenführung schafft es nicht, dass die Hände der Liebenden „a tanto amor“ sich rechtzeitig finden. Man stelle sich vor, dass eine Frau zu Boden stürzt, ohnmächtig, wahnsinnig, und drei Männer, die ihr nahestehen, lassen sie liegen, um es sich derweil in drei Sesseln bequem zu machen. Mit diesem „Verfremdungseffekt“ schließt der erste Akt, erbarmungslos wie das Ganze.

Der Traum vom „Abenteuer Musiktheater“ ist der Deutschen Oper abhanden gekommen, weil sie offensichtlich keinen Herrn mehr hat, der ihn träumt.

Weitere Vorstellungen am 23. und 28. November sowie am 1. und 9. Dezember.

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