Kultur : Ich will alles sehen

Der Käthe-Kollwitz-Preisträger Douglas Gordon und seine Ausstellung in der Akademie der Künste.

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Auf dem Schirm. Douglas Gordon in seiner Filmskulptur.Foto: dapd/VG Bild-Kunst, Bonn 2012 Foto: dapd
Auf dem Schirm. Douglas Gordon in seiner Filmskulptur.Foto: dapd/VG Bild-Kunst, Bonn 2012Foto: dapd

Zwei Jahrzehnte auf ein handliches Format gebracht: Wer jetzt seine Ausstellung in der Akademie der Künste im Tiergarten besucht, bekommt alles von Douglas Gordon. Das gesamte filmische Werk, konzentriert in einem Raum. Vor mehr als zehn Jahren ist der Künstler nach Berlin gezogen, am Freitag ist er mit dem Käthe-Kollwitz-Preis 2012 ausgezeichnet worden. Gordon revanchiert sich mit einer All-inclusive-Arbeit. „Pretty Much Every Film and Video Work From About 1992 Until Now“ heißt die Installation des gebürtigen Schotten.

Sie bietet, was der Titel verspricht: 75 Sequenzen aus allen Filmen und Videos von Douglas Gordon. Präsentiert werden sie auf TV-Monitoren. Keine Flatscreens, sondern alte Röhrengeräte mit ausladenden Gehäusen. Zusammen bilden sie eine gewaltige Skulptur, die man im Halbdunkel umrunden kann. Bloß das jüngste Werk „The End of Civilisation“, das seit vergangener Woche in der New Yorker Gagosian Gallery läuft, wird erst noch in das Archiv integriert.

Dieses speist sich aber auch jetzt schon aus einem enormen Bildreservoir, das deutlich macht, weshalb die Akademie der Künste Gordon würdigt. Der mit 12 000 Euro dotierte Preis, der seit 1960 kontinuierlich vergeben wird, geht an ihn, weil er der internationalen Medienkunst „wesentliche Impulse“ gegeben hat. Das begann vor knapp zwei Jahrzehnten mit „24 Hour Psycho“, einer kritischen Analyse von Alfred Hitchcocks Film-Ikone. Gordon macht aus dem Thriller einen 24-Stunden-Film, der allen Schrecken verliert, weil man auf jeden thrill so lange warten muss, dass Spannung in Ungeduld umschlägt. Was allerdings nur funktioniert, wenn das Publikum das Original von 1960 kennt. Erinnerung und Erwartung sind zwei zentrale Komponenten, mit denen der Künstler in seinen frühen Arbeiten spielt.

Auf solche Parameter kann er sich heute nicht mehr verlassen. In Zeiten von Internet und Pay-TV ist aus dem kollektiven Gedächtnis eine winzige Schnittmenge geworden, was das Wissen um den cineastischen Fundus anbelangt. Gordon, Jahrgang 1966, hat sich deshalb sukzessive von der Manipulation vorhandener Filme verabschiedet und führt seit Jahren selbst Regie. Im „Feature Film“ von 1999 stammt bloß noch die Musik aus einem weiteren Hitchcock-Klassiker. Thema ist deren Neueinspielung durch das Orchester der Opéra National de Paris: Zum Soundtrack von „Vertigo“ konzentriert sich Gordons Kamera völlig auf den Dirigenten, umfährt dessen Hände, streichelt sein Gesicht und fängt so James Conlons Konzentration und Hingabe ein.

Diese Konzentration auf Körper und Glieder taucht anschließend immer wieder auf und dominiert auch die Ausstellung. Sie gibt zugleich den Blick auf ein vielschichtiges Werk frei, das mittels Verlangsamung und Verdichtung das gewohnte Sehtempo unterläuft und so Grundsätzliches über die Wahrnehmung vermitteln will. Dafür gab es 1996 bereits den britischen Turner Prize, eine der wichtigsten Auszeichnungen in der Kunstwelt. Die Berliner Akademie nimmt also keinesfalls die Rolle des Entdeckers ein, sondern zollt einer anerkannten Arbeit nochmals Respekt. Nach der Auszeichnung des kanadischen Künstlerpaars Janet Cardiff und George Bures Miller im vergangenen Jahr markiert die aktuelle Wahl jedoch einen anderen Trend: Die Kandidaten für den Kollwitz-Preis werden zunehmend international.

Gordons Fokussierung auf die singuläre Figur und ihre Handlungen gipfelt derweil in dem Video „Zidane: A 21st Century Portrait“, das er ab 2005 zusammen mit dem Künstler Philippe Parreno drehte. Zinédine Zidane, damals Kapitän der französischen Nationalmannschaft, bestreitet ein Spiel von Real Madrid und wird dabei von 17 Kameras beobachtet. Sie zoomen ihn so nah heran, dass man jede Bewegung detailliert verfolgen kann, dafür aber nicht mehr erkennt, was in Zidanes Umfeld geschieht. Seine Reaktionen bleiben unerklärt, oft unerklärlich. So beschreibt die Arbeit nicht zuletzt den paradoxen Umstand, dass totale Nähe in partieller Blindheit mündet.

„Zidane“ zeigt jedoch auch die Grenzen der Filmskulptur in der Akademie auf. Denn die Arbeit wurde damals nicht bloß von 17 Kameras aufgenommen, sondern auch auf ebenso vielen Einzelbildschirmen präsentiert. Darauf muss die Ausstellung verzichten. Man bekommt hier also alles von Douglas Gordon. Aber nicht in der ganzen Komplexität, die sein Werk prägt. Christiane Meixner

Ausstellung bis 4.11., Akademie der Künste, Hanseatenweg 10; Di–So 11–19 Uhr

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