Kultur : Ich will da rein!

Der Bundeswettbewerb Gesang zu Gast in der Komischen Oper

Frederik Hanssen

Sie stellt sich einfach so auf die Bühne, nicht einmal einen Pianisten schützend im Rücken, und singt Aribert Reimanns Celan-Vertonung „Eingedunkelt“. Frei, aber einsam im Klangraum schwebend, formt sie klingende Verse zu sprechenden Tönen, als sei es die natürlichste Sache der Welt, Zeitgenössisches zu singen. Sarah Ferede ist 19 Jahre jung, bereitet sich gerade aufs Abitur vor – und hat beim diesjährigen Bundeswettbewerb Gesang einen der Förderpreise gewonnen. Die Hamburgerin ist die größte Überraschung des so genannten B-Wettbewerbs der 19- bis 22-Jährigen. Sarah Ferede hat alles, was eine Diva braucht: inneres Feuer, Emphase, Mut zum Pathos, Lust auf Neues und Abseitiges (für den Arienteil des Preisträgerkonzerts in der Komischen Oper wählt sie Niccolò Piccinnis „Le faux lord“). Wenn es ihr gelingt, ihren zum Hochdramatischen drängenden Mezzosopran im Laufe des Hochschulstudiums nach ihrem Willen zu formen, steht der großen Karriere nichts im Wege.

So wie auch die anderen sechs Preisträger, die sich unter 48 Bewerbern durchsetzen konnten, Vielversprechendes zeigen. Dem Bassbariton Timm de Jong blitzt das Buffotalent aus den Augen, wenn er sich in Figaros Macho-Tirade „Aprite un po’ quegli occhi“ stürzt – ein Frauenversteher der angenehm aufbrausenden Art. Richtig wohl auf der Bühne fühlt sich auch Inga Lisa Lehr: Die 21-Jährige wagt sich an Maries knifflige Liebesleid-Szene aus der „Verkauften Braut“ – und gewinnt, weil ihr heller, attraktiver Sopran keine Angst vor den Spitzentönen des lyrischen Überschwangs kennt. Das feine Parfum französischer und italienischer Sentimentalität verstäubt Désirée Brodka.

Erstaunlich, dass die Jury die Hauptpreise an Sänger verlieh, die allesamt zu betont „erwachsenen“, kammersängerhaften Interpretationen neigen. Zumindest bei dem vom neuen Pressechef der Komischen Oper, Andreas Richter, zuvorkommend moderierten Preisträgerkonzert wirken Lisa Wedekind, Torben Jürgens und Benjamin-Helge Bruns bei aller beachtenswerten Detailgenauigkeit des Vortrags ein wenig altklug. Diesen Schutzpanzer der Frühreifen dürfen alle drei künftig ruhig ablegen. Sie haben ihn gar nicht nötig.

0 Kommentare

Neuester Kommentar