Kultur : Ich will da rein

Museen, Massen und das Prinzip Schlange: Heute schließt die Berliner Richter-Retrospektive. Sie steht für einen Kunstevent, der sich wie eine Popshow inszeniert

Gerrit Gohlke

Am Ende droht die Clubkultur das Museum doch noch zu besiegen. In der Maisonne vor der Neuen Nationalgalerie finden sich die Wartenden zwar noch immer zu ihrer täglichen Prozession zusammen und rücken in Zeitlupe um das Gebäude herum bis zum Haupteingang vor. Doch alle paar Minuten macht der Sicherheitsdienst an der Tür kurzen Prozess. In Gruppen zu Dreißig wird der Andrang zügig und routiniert durch die Türen gelenkt. Man hat sich darauf eingestellt, ist nicht mehr von dem Ansturm überwältigt wie in den ersten Tagen und Wochen.

Die endlose Schlange vor der großen Gerhard-Richter-Retrospektive ist am letzten Ausstellungstag, dem heutigen Sonntag – die Schau öffnet noch einmal von 9 bis 22 Uhr – Alltag geworden. Auch die größte Erfolg neutralisiert sich irgendwann selbst. Das Museum wartet auf die nächste Sensation.

Vor den Berliner Clubtüren werden sie dagegen auch an diesem Abend, in dieser Nacht wieder auf den Wink des Türstehers zum Einlass warten. Heute und morgen und auch nächsten Monat wird das so sein, wenn Richters Gemälde längst auf dem Rückweg zu ihren Sammlern sind. Clubs wie das Berghain sind Wallfahrtsorte um ihrer selbst willen. Das Museum hingegen braucht schnell die nächste Kampagne, den nächsten Millionenwert, eine neue Sensation, um durch die Selbstinszenierung des Andrangs von der Anstrengung abzulenken, die Kunstbetrachtung macht. Vor wenigen Tagen wurde bei Christie’s in New York Gerhard Richters „Abstraktes Bild (798-3)" für 21,8 Millionen Dollar versteigert: Rekord!

Gerhard Richters „Panorama“ ist die Überbietung aller bisher bekannten Versuche, das Heranströmen der Massen zum Selbstzweck zu machen. Denn drinnen setzt sich die Schlange einfach fort. Wo sonst überraschende Hängungen, noch nie nebeneinander gesehener Bilder den Museumsbesuch zum choreografischen Erlebnis mit Sogkraft quer durch die Raumfluchten machen, besteht in der Neuen Nationalgalerie die ganze Ausstellung aus einem achtfach durch den Raum gewundenen Defilee.

Die Betrachter schreiten eine Zeitleiste ab, die 1962 beginnt und bis in die Gegenwart reicht. Etwa 4800 Besucher am Tag, voraussichtlich gut 380 000 bis zum Ausstellungsschluss, schieben sich an den fast fugenlos aufeinanderfolgenden Werken entlang, weil durch den Verzicht auf eine thematische Anordnung die ständige Gleichzeitigkeit figurativer und abstrakter Malerei in Richters Œuvre gezeigt werden soll. Noch willkommener könnte aber sein, dass der ewige Strom der Besucher in so einer Präsentation nie abreißen muss. Kein Vor und Zurück, kein Nachschauen im Nebenraum, keine Suche nach feinen Unterschieden halten die Prozession auf.

Wer wissen will, warum das Prinzip Panorama zum Modell so vieler heutiger Museen geworden ist, muss statt der Museumssprecher einfach Künstler wie Roman Ondák befragen. An einer Wand seiner gegenwärtigen Berliner Guggenheim-Ausstellung sind wartende Menschen im Stadtbild zu sehen. Ondák nämlich ist ein Meister der Schlangenfälschung.

Ein bedeutender Museumsmann verrenkte sich 2003 vor dem Kölnischen Kunstverein fast den Hals. Noch nie hatte er vor einer experimentellen Ausstellungsstätte eine Besucherschlange wie vor einer Clubtür gesehen. Geduldig warteten die Menschen auf Einlass, und der im Auto vorübereilende Direktor schwärmt heute im Guggenheim-Katalog von dieser Sinnestäuschung Ondáks, dessen Performance mit bestellten Statisten in Sekunden offenbarte, wie unwahrscheinlich der sehnsüchtige Andrang nach Kunst im uninszenierten Normalbetrieb des Kunstsystems ist.

Es war Udo Kittelmann, der damals am Kölner Kunstverein vorüberfuhr und der als Chef der Berliner Nationalgalerie heute unfreiwillig Ondáks Pointe weiter zugespitzt hat. Noch immer müsste der Kunstverein Statisten mieten, damit sich die Besucher auf der Straße stauen. Die Nationalgalerie aber ist zum Richter-Club geworden, der keiner Argumente mehr bedarf.

Gregor Schneider hat den Berlinern das schon einmal bewiesen. Der damals vielbesprochene Künstler lud ins Magazin der Staatsoper zu einer Performance ein. Die Kunstwelt strömte herbei und stand endlos in der Kälte an. Erst drinnen ließ Schneider verkünden, dass die Warteschlange das Kunstwerk war.

Wenn die Museen nicht Wege finden, das Massenpublikum wieder zum Suchen, Betrachten und Verweilen anzustiften, könnte es sein, dass Ondák und Schneider Recht behalten und die Museumsdirektoren ihre Stellen bald schon an DJs verlieren. Die Kunst braucht zur Abwechslung weniger Schlangen und mehr Freiraum für die rätselnde, neugierige, skeptische, vergleichende Betrachtung.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben