Kultur : „Ich will deine Brustwarze sehen“

Rosa von Praunheim dreht mit Studenten die Parodie eines Rosa-von-Praunheim-Films

Sebastian Handke

„Kannst Du dich bitte auch mal sexuell infrage stellen?“ Der Hidschra, ein indischer Transvestit, streckt sich ein wenig. Der Regisseur aber ist nicht zufrieden. „Das ist es schon?“ – „Willst Du es noch sexuell infrage gestellter?“ – „Ja bitte, ich will die Brustwarze sehen.“ Der Hidschra, an Füßen und Händen gefesselt, hat einen ganzen Apfel im Mund. „Das mit den Fesseln gefällt mir. Aber kannst du den Apfel bitte essen, während du ihn im Mund hast? Es darf ruhig spritzen.“

Praunheims Studenten parodieren Praunheim. Sie proben und improvisieren für seinen neuen Film im Kuppelsaal eines alten Lokschuppens unweit der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Dort ist jetzt auch das Schokoladenzimmer, auch darin eine Studentin. Sie wird von einem reichen Inder gemästet, denn sie ist zu dünn. Auf der gegenüberliegenden Seite hat man einen kleinen Kalkutta-Slum eingerichtet, das macht nicht viel Arbeit in diesem verfallenen Hallenrund. Ein Transparent mit bengalischen Schriftzeichen reicht schon fast. „Wir haben gerade noch eine Verfolgungsjagd und eine Verbrennung abgedreht“, sagt Rosa von Praunheim. Bei der Arbeit hat er nichts von dem unberechenbaren Paradiesvogel, für den viele ihn halten, auch heute noch, da die Skandale rar geworden sind. Er ist freundlich, klar und konzentriert.

Jetzt liegt ein Student im Sterben, eine Kommilitonin singt ihm dazu ein Lied, es schallt weit und klar durch den Saal. Doch der Tod ist nur vorgetäuscht: Praunheims Alter Ego, Professorin Wildbrandt, hat ihre faulen Studenten ohne Rückflugticket ins Elendsviertel von Kalkutta geschickt. Weil sie aber faul sind, fahren sie gar nicht hin. Die dramatischen Videobotschaften, die sie ihrer Lehrerin schicken, fälschen sie in einem Atelier ihrer Schule. Heute werden die Einstellungen abgedreht, die den Betrug für die Zuschauer im Kino aufdecken sollen. Name der Szene: „Auflösung der Kalkutta-Illusion“.

Sechs Jahre hatte Rosa von Praunheim an der FHH eine Professur inne. Zum Abschied gönnt er sich und seinen Schützlingen den Spaß, die gemeinsame Zeit in einer Komödie zu parodieren. „Fünf tote Studenten“ wird das Werk wohl heißen, ob es aber nicht doch noch sechs werden könnten, ist nicht gewiss. Dass ihr Institut parodiert wird, scheint die Beamten hier nicht sonderlich zu stören. „Das ist immer die Strategie hier“, sagt Praunheim. „Konflikte werden gelöst, indem man sie ignoriert.“ Nicht der Professor ist pervers, sondern die Schule, an der er lehrt.

Wo etwas tabuisiert ist, hat Praunheim immer schon gerne rumgestochert: Homosexualität, Transsexualität. Altensex-Tabu, Kannibalismus. Jetzt wird das ehemalige Enfant terrible des deutschen Films, das es Ende der Sechzigerjahre wie Fassbinder und Werner Schroeter nicht auf die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin schaffte, bildungspolitisch, mit einer semi-biografischen Pennäler-Klamotte. Praunheim spottet wenig über die Lehrer. Zur Zielscheibe nimmt er vielmehr sich selbst – und die Studenten. „Wenn man 30 Jahre im Filmgeschäft arbeitet, und man kommt dann an ein solches Institut, ist das erst mal ein Schock. Ich habe erst gar nicht begreifen können, weshalb die Motivation bei den Studenten oft nicht sehr groß ist. Aber viele kommen aus bürgerlichen Familien und machen es sich erst mal bequem.“

Praunheim zog damals umgehend neue Saiten auf und steckte seine Schüler, noch bevor er sie nach Kalkutta oder Hollywood schickte, ins Sado-Maso-Studio und ins Gefängnis von Neustrelitz, jeder in seine Einzelzelle. Auf dem Gang wachte der Präzeptor selbst und kontrollierte regelmäßig mit strengem Blick durch den Sehschlitz. „Da sind großartige Dinge entstanden“, schwärmt Praunheim. „Man muss den jungen Leuten nur das Handy wegnehmen.“ Auch diese Episode wird Eingang finden in die Komödie.

Praunheims Hauptdarstellerin ist wieder eine dieser exzentrischen alten Damen, die der Filmemacher so liebt, eine sehr lebendige, dominante Person, und auch ihr scheint es vornehmlich um die Jugend zu gehen. Kaum am Drehort angekommen, umschwirrt Ellen Reichardt die Journalisten und diktiert ihnen unaufgefordert ihre Botschaften in den Schreibblock. „Ich bin erschüttert über diese Fäkaliensprache der Studenten und überhaupt der ganzen Menschheit.“ Dreißig Jahre hat sie mit Kindern Märchentheater gemacht. Der süße Brei. Dornröschen. Jetzt verkörpert sie Praunheim, den Regisseur solcher Filme wie „Neurosia – fünfzig Jahre pervers“ oder „Die schwule Wut“. „Ich leide unter dieser 500-Worte-Sprache, daher musste ich bei diesem Film mitmachen. Kampf der Fäkaliensprache!“ Kampf gegen die Fäkaliensprache? „Nein, Kampf der Fäkaliensprache, mit Genitiv. Schreiben Sie das so.“

Verkehrte Welt: zwischen Rosa von Praunheim und seinen jungen Studenten ist diese wirbelnde Realschulpädagogin das einzig subversive Element. „Wissen Sie, ich bin ein großer Balladen-Fan. Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll, Ein Fischer saß daran.“ Im Film deklamiert Ellen Reichardt die gesamte Ballade, als die Studenten fragen, was Liebe sei. „Aber das wird bestimmt gestrichen, das sage ich Ihnen gleich.“ Sie greift in ihre Tasche und zieht einen Artikel aus der „Rotenburg-Bebraer Allgemeinen“ hervor. Er zeigt ihre Schultheatergruppe an der Brüder-Grimm-Schule in Bebra. „Damit Sie auch glauben, was ich sage.“ Die Journalisten und Fotografen machen sich allmählich schon vom Set. „Sie müssen mehr essen“, ruft Ellen Reichardt hinterher. „Sie sind ja alle so dünn!“

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