Kultur : Ich will dich

Neue Liebe, neuer Sound: Elvis Costellos grandioses Konzert in der Berliner Universität der Künste

Christian Schröder

Kurz vor Schluss, nach fast drei Stunden und rund dreißig Songs, singt er „I Want You“. Elvis Costello steht direkt unter einem Scheinwerfer, der ihn in schwefelgelbes Licht taucht, seine Stimme vibriert vor Sehnsucht: „Oh my baby I want you so it scares me to death / I can’t say anymore than ,I love you’ / Everything else is a waste of breath / I want you.“ „I Want You“, das Costello 1986 für sein Album „Blood And Chocolate“ geschrieben hat, gehört zu den großen Liebesliedern des 20. Jahrhunderts. Es ist das Lied eines Mannes, der über mehr als 50 Zeilen seine Gefühle zu beschreiben versucht und dabei immer wieder dasselbe stammelt: Ich will dich. Michael Winterbottom hat einen seiner besten Filme nach diesem Song benannt. Costello schrammt über die Saiten seiner Gitarre, aus dem Flügel hinter ihm tröpfeln ein paar Töne. Nichts lenkt ab von dem Text und dieser Stimme, die wispert und faucht, jubelt und gellt. So wie an diesem Abend im ausverkauften Konzertsaal der Berliner Universität der Künste hat man „I Want You“ noch nicht gehört: als intimes Bekenntnis, das direkt aus der Seele des Sängers zu kommen scheint.

Elvis Costello ist wieder verliebt. Für die Jazz-Sängerin Diana Krall hat er seine Frau Cait O’Riordan, die ehemalige Bassistin der Folkpunkband The Pogues, verlassen, mit der er 16 Jahre zusammen war. Lebenskrisen scheinen für Musiker inspirierend zu sein, das war schon bei Frank Sinatra so, der sein Meisterwerk „In The Wee Small Hours“ aufnahm, als seine Ehe mit Ava Gardner geplatzt war. Costellos neues Album heißt „North“ (Deutsche Grammophon/Universal), in seiner von Streichern und Bläsern getragenen Balladenhaftigkeit erinnert es durchaus an Sinatra. Doch wo Sinatra sich ganz dem Schmerz und dem Selbstmitleid hingab, da siegt bei Costello die Zuversicht. Die erste Hälfte von „North“ handelt von dem Ende einer alten, die zweite vom Beginn einer neuen Liebe. „You left me standing alone / Although I thougt that we could not be parted“, singt Costello vorwurfsvoll im Eröffungsstück „You Left Me In The Dark“ zu perlenden Geigen und zischelnden Becken: Du hast mich allein gelassen, und ich dachte wir würden uns niemals trennen.

Metamorphosen eines Punkers

Ein paar Songs später beschwört er in „Can You Be True?“ ein Glück, das er noch gar nicht fassen kann: „I long to hold you all through the night / And tell you ,my darling, you make everything seem right’ / And then I’ll hear you calling my name / And I’ll answer ,My darling, I may be your man.“ Ich möchte dein Mann sein: Costellos schlichteste und schönste Liebeserklärung seit „I Want You“. Elvis Costello, der vor 49 Jahren unter dem bürgerlichen Namen Declan McManus in London geboren wurde und in Liverpool aufwuchs, ist ein Verwandlungskünstler. Auf musikalische Moden hat er nie viel gegeben, als Songwriter ist er längst in seiner eigenen Liga angekommen. Die ersten Platten, die er vor einem Vierteljahrhundert mit seiner Band „The Attractions“ veröffentlichte, waren noch vom Zorn des Punk befeuert, doch schon bald wurden seine Arrangements immer ausgefeilter. Costello arbeitete mit dem Jazzgitarristen Bill Frisell, der Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter, dem Brodsky Quartet und dem Easy-Listening-Veteranen Burt Bacharach zusammen. Als er im letzten Jahr das Album „When I Was Cruel“ herausbrachte, auf dem er laut wie lange nicht drauflosrockte, schien er zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Während der anschließenden Tournee schrieb er die zerbrechlich wirkenden Balladen, die auf „North“ versammelt sind. Mit Pop im herkömmlichen Sinn hat Costellos Musik nicht mehr viel zu tun, konsequenterweise erscheint seine neue Platte nun mit der Deutschen Grammophon bei einem Klassik-Label.

Das Konzert in der Universität der Künste wird zum Triumph des Minimalismus. Mitgebracht hat Costello bloß eine akustische und eine halbakustische Gitarre sowie Steve Nieve, seinen Keyboarder seit den Tagen der Attractions, der ihn auf einem Flügel begleitet. Auf „Accidents Will Happen“ aus Costellos drittem Album „Armed Forces“ (1979) folgt die wunderbare Soulrockhymne „45“ aus „When I Was Cruel“, die die Erinnerung an das Kriegsende mit einem Lobgesang auf die Vinylschallplatte verwebt. „This House Is Empty Now“, das Costello mit Burt Bacharach für das gemeinsame Album „Painted From Memory“ (1998) schrieb, gerät zum ersten Höhepunkt des Abends. Beschwörend hebt der Sänger den Arm, er tritt ganz nah an die Rampe und schmachtet mit sehr viel Vibrato: „This house is empty now / There’s no one living here / You have to care about / This house is empty now / There’s nothing I can do / To make you want to stay“. Eine berückende Ballade vom Ende einer Beziehung, stilistisch sehr nah am Kammerpop von „North“. Costello kann es sich leisten, das Mikrofon zu verlassen und unverstärkt weiterzusingen: Die Zuhörer hängen wie gebannt an seinen Lippen, nach dem letzten Akkkord brechen sie in Jubel aus.

Triumph des Minimalismus

Die Stücke aus dem neuen Album bilden den Mittelteil des Abends: „You Left Me In The Dark“, „Someone Took The Words Away“, „When Did I Stop Dreaming?“, „Fallen“. Doch wo auf der Platte Jazz-Großmeister Lee Konitz in sein Saxofon bläst, der Schlagzeuger Peter Erskine den Takt beschleunigt und die Geigen des Brodsky Quartets schwelgen, werden die Songs live bis auf ihr Knochengerüst freigelegt. Nieves Klavierspiel ist äußerst sparsam, Costello verzichtet bei den meisten Stücken auf die Gitarre und verlässt sich ganz auf die Kraft seiner strahlenden Stimme. Als Sänger wurde er lange unterschätzt, jetzt steckt er lässig eine Hand in die Hosentasche, nimmt mit der anderen Hand das Mikrofon und spaziert wie ein klassischer Crooner über die Bühne. Bei „Shipbuilding“, dem Song, den er 1983 gegen den Falklandkrieg schrieb, streichelt er sanft über die Saiten seiner Gitarre, aus dem Klavier perlen ein paar Läufe, und mit halb geschlossenen Augen singt Costello den Refrain. Ein Bild der Entrückung an einem großen Konzertabend.

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