Kultur : „Ich will diese Saison retten“

Adolphe Binder, die kommissarische Ballettdirektorin der Komischen Oper Berlin, über Pleiten, Pech und Pannen

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Nach dem überraschenden Rücktritt von Blanca Li im Juli sind Sie zur kommissarischen Ballettdirektorin der Komischen Oper Berlin ernannt worden. Sehen Sie die Chance, dass das Ballett der Komischen Oper überhaupt noch länger als eine Saison tanzt?

Ich habe die Berufung angenommen, weil ich glaube, dass das Ensemble ein großes Potential hat. Ich bin im Augenblick in Verhandlungen mit dem Haus, es gilt als gesichert, dass wir auch die Spielzeit 2003/2004 unter meiner Leitung machen. Was danach passiert, hat der Kultursenator zu entscheiden. Und natürlich hängt das auch von der neuen Intendanz hier im Haus ab.

Blanca Li war nicht die erste, die an der Komischen Oper das Handtuch geworfen hat. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Da kommen finanzielle und strukturelle Aspekte zusammen, die nicht nur hausbedingt sind. Das hängt auch mit dem deutschen Tarifsystem zusammen. Ich glaube, Li war wenig darauf vorbereitet, was es bedeutet, in einer solchen Struktur zu arbeiten. Und sie hat gemerkt: Selbst wenn sie sich wahnsinnig anstrengt, wird sie bestimmte Berge nicht versetzen können. Hinzu kommt, dass sie sich hier am Haus nicht gewollt gefühlt hat. Und dass sie auch auf kulturpolitischer Ebene Unterstützung vermisste. Ich habe daraus die Konsequenz gezogen, einige Grundbedingungen neu zu verhandeln und schriftlich zu fixieren, seien es Tänzerstellen oder Forderungen für bestimmte Etatansätze. Das Wesentliche ist der Erhalt der drei Premieren für diese Spielzeit.

Der designierte Intendant Andreas Homoki hat das Ballett in ersten Interviews zur Disposition gestellt. Ist unter diesen Bedingungen eine Zusammenarbeit denkbar?

Ich habe mich erst einmal darauf konzentriert, diese Spielzeit zu retten. Durch die klare Positionierung von Albert Kost er will in seiner Intendanz das Ballett erhalten - habe ich eine Perspektive und kann Aufbauarbeit leisten. Was danach kommt, weiß ich nicht. Natürlich ist es irritierend, dass ich nicht längerfristig planen kann. Aber ich habe den Eindruck, dass sich Homokis Haltung zum Ballett verschiebt.

Vom Profil her bleibt das Ballett der Komischen Oper ein zeitgenössisches Ensemble?

Der Ballettabend "baRock" mit Choreographien von Blanca Li, Dominique Bagouet, Amanda Miller und Itzik Galili ist der erste Versuch zu zeigen, wie vielfältig der zeitgenössische Tanz sein kann. Und welche Bandbreite diese Compagnie hat.

Es gibt Überlegungen einer Zwangsfusion der Ballettensembles von Komischer Oper und Deutscher Oper. Wäre das mit Ihnen machbar?

Zuerst sollten die Ballettensembles von Deutscher Oper und Staatsoper fusioniert werden ... Es ist da eine Willkür am Werk, die andere Motive hat, als praktikable Konzepte durchzusetzen. Die beiden Compagnien sind inhaltlich nicht kompatibel. Jetzt ist ein fantasievolles künstlerisches Konzept gefragt. Voraussetzung ist eine egalitäre Partnerschaft, zwischen den Häusern wie zwischen den Sparten. Sonst bleibt der Tanz das Stiefkind.

Sie haben bei der Anhörung im Kulturausschuss ein leidenschaftliches Plädoyer gehalten für den Tanz. Glauben Sie, dass der Tanz eine marginalisierte Kunstform ist?

Unbedingt. Ich glaube, das hat etwas mit dem Verhältnis unserer Gesellschaft zu Körperlichkeit zu tun. Schrift und Sprache werden höher bewertet. Festzustellen ist ein Grundmisstrauen gegen physische Präsenz oder jede Form von Nacktheit - in Divergenz zu allem offensichtlich Sexuellen, das man ja überall sieht.

Das Gespräch führte Sandra Luzina.

Der Ballettabend „baRock“ in der Komischen Oper hat am 25.10. um 20 Uhr Premiere.

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