Kultur : Ich will immer bei dir sein

Ein Orpheus-Projekt von Sasha Waltz in Paris

Joachim Lange

Natürlich war die Ankündigung einer Uraufführung etwas hoch gegriffen. Pascal Dusapins siebentes Musiktheaterstück „Passion“ entstand 2008 im Auftrag des Festivals von Aix-en-Provence. Aber es ist natürlich das gute Recht einer Künstlerin, wenn sie für Regie und Choreografie zuständig ist, ihrer spezifischen Umsetzung von Klang in Bewegung das Etikett Uraufführung zu verpassen.

Ein Qualitätsmerkmal ihrer Arbeit ist in diesem Fall die Zurückhaltung. Sie stellt ihre Mittel ganz überwiegend in den Dienst der einschmeichelnd schönen Musik des Komponisten. In den zehn Bildern, die eher auf eine schwebende Poesie setzten als auf narrative Klarheit, fließt ein Stimmen- und Klangstrom auf direktem Wege zu den Herzen der (meisten) Zuschauer. Das funktioniert selbst dann, wenn der Orchesterklang gelegentlich einem maschinenartigen Rumoren weicht, das sich im ganzen Raum ausbreitet und von dem sich obendrein noch Einzelgeräusche raffiniert absplittern. Oder auch, wenn schweres Atmen oder Stöhnen einkomponiert sind. Niemals gleitet die von Franck Ollu, dem Ensemble Modern und dem Vocalconsort Berlin verantwortete Musik ins abgehoben Verklügelte ab.

Dabei legt sich das vom Komponisten und Rita de Letteriis italienisch verfasste Libretto nicht auf eine Handlung fest. In den beiden Protagonisten, die ER (Bariton) und SIE (Sopran) genannt werden, spiegelt sich der Orpheus-Mythos, vor allem jedoch aus der weiblichen Perspektive: Hier geht es weniger um die Geschichte des Sängers, sondern mehr um das Existenzielle der Beziehung zwischen zwei liebenden Menschen.

Die Solisten Barbara Hanningan und Georg Nigl sind stimmlich wie darstellerisch ein Glücksfall, ergänzen ideal Waltz’ drei Tänzer-Paare. Es beginnt mit intimer Nähe. Da ertastet SIE, auf dem Boden liegend, seinen aufrecht stehenden Körper spielerisch mit den Füßen. Am Ende dann schwebt eine dunkle Wolke aus Luftballons mit der äußeren Hülle einer Tänzerin in den Schnürboden.

Darstellerisches Charisma verbindet sich nahezu perfekt mit melodisch elegischem Gesang. Die größte und häufig wiederholte Sorge ist, sich nicht (mehr) zu sehen oder zu hören. So changieren sie ständig zwischen der Sehnsucht nach Nähe und der Entfernung voneinander. Sasha Waltz will nicht einfach die alte Geschichte von Orpheus und Eurydike nacherzählen oder eine von heute neu erfinden. Sie lässt sich ohne Choreografen-Eitelkeit (mitunter sogar mit einer Spur zu nobler Zurückhaltung) darauf ein, dem Exemplarischen der Beziehung zwischen zwei Menschen nachzuspüren.

So wie Dusapin musikalisch bis zum Frühbarock Claudio Monteverdis zurücklauscht, bewegt Waltz ihre singenden Protagonisten und deren tanzende Alter Egos oder frei assoziierenden Spiegelungen im leeren Raum, auf der Suche nach elementaren Gefühlen. Dabei fliegt SIE, gehalten von den Tänzern und über deren Köpfen, wie eine Schwimmerin im Wasser, sogar durch die Lüfte. Und singt dabei noch. Für die Faszination des Abends, in dem Musik und Bewegung so suggestiv verschmolzen sind, spielt in Thilo Reuthers kargem Bühnenraum auch das Licht in seinen Anklängen an die Ästhetik von Mark-Rothko-Bildern, eine Hauptrolle. „Passion“ ist nach „Dido & Aeneas“ (2005) und „Medea“ (2007) die dritte „choreografische Oper“ von Sasha Waltz. Den Premierenjubel in Paris darf man getrost als Beleg dafür nehmen, dass da eine Vorlage eine adäquate Form gefunden hat. Joachim Lange

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