Kultur : Ich will Ironie

„About Schmidt“-Regisseur Alexander Payne über die Lust an der Wirklichkeit – und an der Banalität

-

Zwei Filme, beide nie in Deutschland im Kino, hat der 1961 in Omaha/Nebraska geborene Alexander Payne zuvor gedreht: „Citizen Ruth“ (1996), eine Satire über Abtreibungsgegner, und „Election“ (1999), die turbulente Story um eine Schulsprecherwahl, mit Reese Witherspoon in der Hauptrolle. Mit seinem dritten Film, „About Schmidt“, ist ihm nun das Meisterstück gelungen – zudem brachte er dem dreifachen OscarPreisträger Jack Nicholson die mittlerweile elfte Nominierung ein. Mit Alexander Payne sprach Daniela Sannwald.

Herr Payne, „About Schmidt“ ist eine perfekte Illustration von Adornos Diktum „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“

Wenn Sie damit meinen, dass mein Film die Welt kritisiert, in der Schmidt lebt, dann ist das richtig. Alle meine Filme kritisieren die Welt, in der ihre Figuren leben.

Sie drehen Ihre Filme in Ihrer Heimatstadt Omaha. Ein besonders schrecklicher Ort?

Ach, nein, Omaha will ich nichts am Zeug flicken. Ich untersuche einfach den Ort, der dazu beigetragen hat, mich zu formen, den Ort, an dem ich meine intensivsten Kindheitsbeziehungen gepflegt habe. Ich hoffe aber, meine Themen sind universal.

Jedenfalls zeigen Sie Omaha als düsteren Ort – eine Ansammlung scheußlicher Architektur.

Ich habe von März bis Mai gedreht, dann regnet es dort sehr viel. Der Himmel war immer grau. Wenn das Geld etwas später gekommen wäre, hätte ich im Sommer gedreht. Das hätte dann anders ausgesehen, vielleicht nicht unbedingt fröhlicher.

Die depressive Stimmung ist nicht nur metereologisch, sondern auch ästhetisch bedingt.

Ich habe meinem Setdesigner und meinem Kameramann in allen drei Filmen gesagt: banalité, toujours banalité. Erstens gibt diese Ästhetik präzise das wieder, was ich um mich herum sehe, und zweitens reagiere ich damit auf bestimmte amerikanische Filme, die immer versuchen, jeden noch so simplen Gegenstand zu verschönern, um ihn leinwandtauglich zu machen. Wenn es ein MGM-Musical ist, okay, das ist ohnehin total künstlich und dabei sehr schön. Aber wenn ich es mit der Realität zu tun habe oder meine Figuren glaubwürdig erscheinen sollen…

… das heißt …

… schauen Sie mal sein Haar an (zeigt auf den Fotografen), es ist zerstrubbelt: Warum sollte ich das im Film ändern? Er hat sich heute nicht rasiert: Warum sollte ich das nicht zeigen? Oder wenn bei einer Szene mit vielen Statisten die Leute sich schminken und frisieren und ankleiden, und dann kommt eine Garderobiere mit einer Fusselbürste:Was für ein Schwachsinn! Gegen all das kämpfe ich an, nicht um Hässlichkeit zu erreichen, sondern Realismus.

Auch in Ausstattung und Beleuchtung scheinen Sie darauf zu achten.

Ja, denken Sie nur an Schmidts Haus. Es ist das Haus seiner Frau Helen, sie hat es eingerichtet, und das schwächt Schmidt in seiner Männlichkeit. Die Inneneinrichtung entspricht übrigens genau der, die wir in einem realen Haus gefunden haben.

Sie haben sie einfach kopiert?

Wir haben das im Studio nachgebaut und zehn Tage dort und vier Tage im richtigen Haus gedreht. Wir haben nichts, nicht mal eine Kleinigkeit, für den Film geändert. Normalerweise findet man ein Haus, bittet die Leute um Dreherlaubnis, schickt sie ins Hotel, stellt neue Möbel rein, damit es dem Milieu und den Figuren des Films entspricht. Das Haus in „About Schmidt“ aber war noch besser als alles, was wir uns hätten ausdenken können. Es ist die Wirklichkeit, und ich traue der Wirklichkeit, was Ausstattung und Casting betrifft. Der Film bekommt dadurch etwas Dokumentarisches.

War es schwierig, Jack Nicholson für diese, ja, jämmerliche Rolle zu bekommen?

Nein. Meine Darsteller wollten Darsteller sein und keine Stars. Zu Nicholson sagte ich: „Sie wirken sehr jugendlich, aber ich möchte, dass Sie jemanden spielen, der älter ist als Sie.“ Dann nahm er die Haut an seinem Hals zwischen die Finger und sagte: „Wieviel hiervon wollen Sie?“ Das heißt doch: Was mich ausmacht, ist verborgen; mein Körper ist nur das Instrument. Wie schön, dass er so etwas sagen kann.

Sie benutzen häufig Voice-over-Kommentare. Eine Todsünde, sagt eine Drehbuchregel.

Wenn man mit Voice-over nur Filme zusammenkittet, dann ist das schrecklich. Aber es gibt auch gute Filme mit Voice-over, etwa Ridley Scotts „Blade Runner“. Für mich ist Voice-over eine der wichtigsten Errungenschaften des Tonfilms. Es mag ein Instrument der Romanciers sein, aber man kann damit vermitteln, was in einer Figur vorgeht, ihre Gedanken, ihre Subjektivität. Und weil ich Komödien mache, gefällt mir die ironische Distanz zwischen dem, was die Figur erzählt und dem, was wir sehen. Das ist doch sehr kinematografisch.

Haben Sie eine adäquate Form gefunden, Begleys Roman zu adaptieren?

Ich nehme mir die Freiheit, Dinge zu ändern, der Roman ist Rohmaterial. Ich muss meinen Film so machen, wie ich es kann, egal, ob Literaturpuristen das dann gelungen finden. Buchstabengetreue Verfilmungen sind oft leblos, etwa die Harry-Potter-Filme.

Muss man sich also nachgerade von der literarischen Vorlage befreien?

Ja. Lesen Sie „Macbeth“ und sehen Sie dann Kurosawas „Schloss im Spinnwebwald“. Ist das noch „Macbeth“? Natürlich, aber es ist auch Kurosawa.

„About Schmidt“ fängt düster an und schlägt in Slapstick um. Eine Komödie?

Ich könnte ein bisschen angeberisch sagen, das ist flämische Malschule: Erst wird die Leinwand schwarz gemalt, und dann bringt man die Figuren darauf an. Ich schreibe Komödien über schmerzliche, peinliche, pathetische Situationen. Also müssen wir diese Situationen zunächst etablieren und dann herausarbeiten, wie absurd und komisch sie auch sind. Komischen Figuren wird kaum jemals Erholung gegönnt. Das macht Komödien so unbarmherzig, aber lustiger.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben