Kultur : „Ich will jetzt nicht zu meinem Totengräber werden“

Intendant Wilfried Schulz über den Finanzstreit um das Hannoversche Staatstheater und die deutsche Kulturpolitik in den Zeiten des Sparzwangs

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Herr Schulz, das Niedersächsische Staatstheater soll bis 2007 rund 2,7 Millionen Euro weniger Subvention erhalten. Darauf haben Sie als derzeit bundesweit umworbener Schauspielintendant Alarm geschlagen und das Ende Ihrer Arbeit in Hannover in Aussicht gestellt. Droht Oper und Schauspiel in der Landeshauptstadt wirklich der Ruin?

Die jetzt öffentlich kolportierten 2,7 Millionen Euro sind nur eine Mogelpackung. Denn bis 2007 sollen ja jedes Jahr 2,7 Millionen eingespart werden. Weil Kultusminister Stratmann aber gemerkt hat, dass man nicht schon zum 1. Januar 2004 Personal kündigen kann, hat er die Kürzungen bis 2007 „gestreckt“. Wenn wir nun 2004 weniger einsparen, muss es ab 2005 entsprechend mehr sein. Außerdem müssen wir als Teil der Staatstheater GmbH auch Mindereinnahmen und Altschulden der Oper mit ausgleichen, das ergibt schon für 2004 eine Sparvorgabe von 4,9 Millionen Euro. Und wenn die Oper ihre Einnahmen nicht wundersam erhöht, sinken wir jedes Jahr über vier Millionen Euro weiter ab.

Warum protestiert nicht auch Ihr Kollege, Staatsopernintendant Albrecht Puhlmann, ähnlich vehement?

Puhlmann ist vor zwei Jahren gekommen und hat im Augenblick den schwereren Stand, weil er durch ein neues, anspruchsvolles Programm bei den alten Abonnenten viel Gegenwind verspürt. Das Schauspiel aber ist unumstritten, hat überregionalen Ruf und ist in der Stadt geliebt. Da lehnen wir uns leichter zum Fenster hinaus.

Führt die gemeinsame Sparauflage jetzt nicht zum Kannibalismus zwischen Oper und Schauspiel?

Wir erhalten bisher rund 50 Millionen Euro Subvention vom Land Niedersachsen, wovon etwa zwei Drittel auf die Oper entfallen. Daran soll sich nichts ändern. Wir lassen uns nicht auseinander dividieren, und ich werde nicht zum Kannibalen, weil ich den künstlerischen Wandel der Oper hin zum musikalischen Gegenwartstheater voll unterstütze!

Aber Sie selbst drohen, die Ihnen angebotene Vertragsverlängerung von 2005 bis 2010 abzulehnen.

Ich drohe nicht, sondern wir versuchen, der Landesregierung als Alleingesellschafter der Staatstheater zu vermitteln, dass die geforderte Sparleistung nur zu erbringen ist, wenn wir entweder Sparten oder Spielorte schließen, wenn wir die künstlerische Qualität senken und gleichzeitig die Vielfalt des Angebots drastisch verringern.

Nun müssen aber alle öffentlichen Haushalte sparen. Haben Sie der Regierung nicht wenigstens ein Gegenangebot gemacht?

Natürlich. Mit einem Vorschlag, ab 2004 etwa zwei Millionen statt 4,9 Millionen einzusparen. Damit wäre die Grenze des strukturell Möglichen, etwa bei Rationalisierungen in Technik und Verwaltung, erreicht. Im Übrigen gehört es zu unserem Subventionsauftrag, künstlerische Wagnisse, Überraschungen und Verführungen zu ermöglichen und nicht allein kommerzielles Unterhaltungs theater oder langweilige KlassikerDeklamationen zu machen.

Hat die neue CDU-FDP-Landesregierung auf Ihr Angebot nicht reagiert?

Das Entgegenkommen ist gering, eine Million als Einmalzahlung für unvermeidliche Tarifsteigerungen. Tatsächlich müssten wir bis 2007 mit etwa 13 Millionen Euro weniger auskommen. Und diese Sparvorgabe der Regierung Wulf ist eine abstrakte Summe, die vom Finanzminister festgelegt wurde. Ohne Kontakt mit unserer Realität.

Spielt hierbei der Regierungswechsel von SPD zur CDU eine Rolle?

Nur insoweit, als wir es plötzlich mit anderen Personen zu tun haben. Ich erkenne aber keine kulturpolitische Absicht, im Gegente il. Wir erleben in Deutschland gerade einen Paradigmenwechsel. Kulturpolitik wird jetzt von den Finanzbehörden gemacht, ohne schlechtes Gewissen.

Das heißt, ohne kulturelles Wissen?

Wahrscheinlich. Aber auch unser neuer Kultusminister war hier noch nie im Schauspiel und bisher nur ein Mal in der Oper.

War das früher wirklich anders?

Sagen wir’s so: Der Kanzler und seine Frau waren bei uns, und die Unterstützung für das Staatstheater gehörte zum Selbstverständnis der Politiker in Hannover.

Wenn Kulturpolitik in immer mehr Städten zur Finanzpolitik wird und der Sparhammer droht: Was kann ein deutscher Stadttheaterintendant da noch machen?

Früher dachten wir immer, dass der Erfolg eines Theaters das Theater auch schützt. Als ich vor drei Jahren in Hannover anfing, hatten wir 140000 Zuschauer pro Saison, jetzt kommen 200000, und wir haben 81 Prozent Platzausnutzung. Wir sind kein aufgeblähtes Haus, wir spielen keinen Boulevard, aber unser Publikum strömt und ist neugierig, auch auf Experimentelles und Riskantes. Es will nicht für blöd verkauft werden im Theater. Und als wir am Ende der vergangenen Saison unsere Erfolgszahlen veröffentlicht haben, durften wir am nächsten Tag aus der Zeitung erfahren, dass wir uns künftig totsparen sollen. Seitdem stecke ich nur noch in Finanzverhandlungen.

Wenn Sie dieses wunderbare Publikum haben, warum geht das nun nicht auf die Straße?

Die Bürger sind mobilisiert. Es gibt Demos, Solidaritätsbriefe, E-Mails, Proteste. Das Tragische oder Groteske ist ja, dass die Politik im Moment weder die Menschen sieht noch den Wert von Kunst für die Gesellschaft. Wir reden über Pisa und die deutsche Bildungsmisere, gleichzeitig erkennen Politiker nicht mehr, was ein Theater, das die humanen Existenzfragen verhandelt, als Ort der Erleuchtung kulturell und zivilisatorisch bedeutet.

Bedeutet dies, dass man Sie ab 2005 dann als Intendant in Hamburg oder Bochum wiedersehen wird.

Wir haben hier am nächsten Donnerstag eine Aufsichtsratssitzung. Bevor da keine Entscheidung gefallen ist, führe ich mit niemandem irgendwelche Parallelverhandlungen. Aber ich will nicht zum Totengräber einer lebendigen Theaterarbeit werden.

Das Gespräch führte Peter von Becker

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