Kultur : "ich will künstler sein ein künstler sein"

CHRISTIAN BÖHME PARVIN SADIGH

Der Internet-Literaturwettbewerb von "Zeit" und IBM geht in die zweite Runde - der Tagesspiegel ist dabeiVON CHRISTIAN BÖHME UND PARVIN SADIGH"(2b).or.(.not.2b)".Mit dieser berühmten, wenn auch digitalisierten Sinnfrage irritiert der Siegerbeitrag des ersten Internet-Literaturwettbewerbs, der 1996 mit großem Erfolg von der Wochenzeitung "Die Zeit" und dem Computerkonzern IBM veranstaltet worden war.Doch anders als Shakespeare, läßt die damalige Preisträgerin Martina Kieninger den Leser selbst entscheiden, wie die alles entscheidende Frage zu beantworten ist: zwei Absprungadressen, Links genannt, stehen zur Verfügung.Beide Wege - "2b-link" und "not.2b.link" - führen zunächst weiter.Aber allein den Lebensbejahern ist es vergönnt, zum Beginn des Internet-Dramas "Der Schrank.Die Schranke" zurückzuspringen.Die "not2b-Lebensmüden" dagegen landen in einer Sackgasse. Computer, Internet, Absprungadressen - das soll etwas mit Literatur zu tun haben? Puristen wandten sich im vergangenen Jahr mit Sorgenfalten auf der Stirn ab.Ihr Pech.Denn sie hätten sich mit Hilfe der Wettbewerbsbeiträge ein neues Literaturfeld erschließen können.Doch selbst Kulturpessimisten bekommen eine zweite Chance: nach den künstlerisch überaus positiven Erfahrungen 1996 schreiben IBM Deutschland und "Die Zeit" auch 1997 wieder einen Wettbewerb für Internet-Literatur aus - und zwar in deutlich erweiterter Form.Denn der Wettbewerb wird nun auch vom Tagesspiegel sowie von Radio Bremen und der "Softmoderne/Festival der Netzliteratur" mitgetragen. Die literarischen Beiträge sollen die ästhetischen und die technischen Möglichkeiten, wie sie das Internet hervorgebracht hat, aufnehmen und kreativ nutzen, um Sprache zu gestalten.Dazu gehören etwa E-Mail, Diskussionsforen und vor allem die Möglichkeit, mit Hilfe eines Mausklicks auf auffällig gekennzeichnete Textstücke oder Bilder assoziative Verknüpfungen zu anderen Textfragmenten herzustellen (Hyperlink). Allein das klingt für Internet-Neulinge mehr nach Computern und Technik und weniger nach Literatur.So ähnlich haben wohl auch vor knapp einem Jahr die Juroren des ersten Wettbewerbs gedacht, bevor sie sich für mehrere Tage mißtrauisch an die Terminals begaben, um aus mehr als 180 Beiträgen einen Sieger zu ermitteln."Ist der Computer, an dem ich jetzt sitze, nicht eher kulturzerstörend als inspirierend", hat sich so manch einer der Preisrichter zu Beginn der Sitzung gefragt.Kann ein Datennetz tatsächlich Mittel und Ausdruck von literarischer Kunst sein? Es kann.Reinhard Baumgart brachte es in seiner Laudatio für die damaligen Preisträger auf den Punkt: Ein neues literarisches Äon habe er zwar nicht feststellen können, dafür aber die "Fortsetzung der Literatur mit anderen Mitteln". Die Möglichkeiten im Netz der Netze können für Literaturschaffende von herausfordernder Vielfalt sein.Unbekannten Autoren bietet es die Chance, ihre noch nicht gedruckten Texte zu veröffentlichen.Dort allerdings drohen sie in der Informationsflut des Internet unbeachtet zu versinken.Und noch ein Vorteil kann sich als Nachteil entpuppen: Lektoren, Verlage und der Buchhandel stehen nicht zwischen Leser und Autor.Doch die sollen ja für Qualität bürgen. Längst gibt es zudem ein eigenes Genre namens Internet-Literatur.Und genau die hat die Jury 1997 wieder im Blick.Vor allem kurze, miteinander durch "Links" verknüpfte und sich verzweigende Texte sind charakteristisch für das Netz.Denn anders als "klassische" Literatur wird Internet-Literatur nicht linear - von vorne nach hinten - gelesen, sondern in Sprüngen wahrgenommen.Die Furcht, daß Bücher bald nicht mehr in die Hand genommen werden, ist also unbegründet: lange Texte mit durchgehender Handlung sind nach wie vor zwischen zwei Buchdeckeln besser aufgehoben.Der Reiz der Internet-Literatur liegt woanders. Da entstehen zum Beispiel Gemeinschaftswerke mit vielen verschiedenen Nebenhandlungen, geschaffen von unterschiedlichen, nicht mehr einzeln zu identifizierenden Autoren.Kennzeichnend für Literatur im Internet ist weiterhin das Zusammenspiel von Sprache, Bildern, Ton und Mathematik.Technologie und Kunst gehen wie sonst nirgends Hand in Hand.Und genau dieses Miteinander wird oft als Thema aufgegriffen und visualisiert.Kein Wunder, daß unter den Gewinnern des Wettbewerbs 1996 kaum Vertreter der etablierten Literaturszene zu finden waren: zwei Chemiker, ein Student der Elektrotechnik und ein Wirtschaftsingenieur standen auf dem Siegerpodest, aber kein Germanist, Sprach-, Literatur- oder Sozialwissenschaftler. Das Netz scheint außerdem öffentlichkeitsscheue Autoren - zumindest virtuell - aus dem stillen Kämmerlein zu locken.Die Teilnehmer des Wettbewerbs im letzten Jahr warteten nicht jeder für sich, bis die ehrwürdige Jury ihr Urteil verkündete, sondern stellten sich gegenseitig ihre Werke vor, organisierten Diskussionsrunden und eine eigene Abstimmung. Auch inhaltlich gingen die Beiträge andere Wege, als der deutschen Nachwuchsliteratur nachgesagt wird.Statt Betroffenheit und Bekenntnis fanden die Juroren Ironie, "viel Jux" sowie spielerischen Umgang mit Sprache und Design. Der Gewinner des Sonderpreises, Sven Stillich, zeigt seine miteinander verknüpften Sätze, die alle mit "Ich will" oder "Ich will nicht" beginnen, vor dem Hintergrund gestreifter Testbilder.In den Ecken sind Fernsehsender-Logos zu sehen.Bunte, blinkende, hin und her springende Wörter beteuern: "ich will ja nur meinen spaß haben will grüne augen funkelnde grüne augen haben" oder "ich will künstler sein ein künstler sein".E-Kultur, U-Kultur? Wer sich mit Stillichs Werk beschäftigt, der wird merken, daß er beim Beantworten der Frage dort landet, wo auch die "not2b-Lebensmüden" ankommen - in der Sackgasse. Die Teilnahmebedingungen und weitere Informationen gibt es auf den Homepages der Träger des Wettbewerbes: http://www.tagesspiegel.de, http://www.zeit.de, http://www.ibm.de, http://www.radiobremen.de und http://www.icf.de/softmoderne.Natürlich gibt es Wissenswertes auch per Telefon: beim Tagesspiegel in Berlin 26009-594

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