Kultur : Ich will lieber einen Mann

Das Kölner Museum Ludwig zeigt „Kunst in Schokolade“

Christina Tilmann

Der Kölner Dom darf natürlich nicht fehlen. Claes Oldenburg hat ihn in Schokolade gestaltet, ein vielkantiges, organisch wucherndes Gebilde. Dabei war der Dom sozusagen der Initiator des Projekts. Im Herbst 2004 wurde ein Schokoladendom, gestaltet vom örtlichen Imhoff-Stollwerck-Schokoladen-Museum an 25 Künstler verschickt, berichtet Kaspar König, Direktor des Museum Ludwig. Die Stategie ging auf: 21 Künstler, darunter Rosemarie Trockel, Ilya Kabakov, Franz West, Louise Bourgeois und Richard Deacon erklärten sich bereit, für das Museum ein Kunstwerk aus Kakaomasse zu formen. Eine Spielerei, mit großen Namen. Das Ergebnis ist nun, passend zur Osterzeit, in einer Kabinettausstellung zu sehen: „Kunst in Schokolade“.

Was reizte die Künstler? Die leichte Formbarkeit des Stoffs? Die Farbe, der Geschmack? Die Süße, die Sucht? Lange her, seit der Geschmack der Schokolade, jene besondere Mischung aus Exotik, Luxus und Verfall, die Kunstwelt faszinierte. Dieter Roth goss Löwen und Selbstporträts multiple-mäßig in Schokolade und ergötzte sich am langsamen Verfallsprozess. Joseph Beuys feierte den Lebens- und Kraftstoff Schokolade, den Energiespender für Notzeiten. An ihn erinnert sein Düsseldorfer Künstlerkollege Hans-Peter Feldmann, wenn er einen Filzhut in Schokolade gießt: Beuys war bekannt für seine Kopfbekleidung.

Jüngere Künstler nutzen Schokolade eher als Industrieprodukt, erfreuen sich an glatten, gut gegossenen Oberflächen, an den Reproduktionsformen eher als am jeweils einzigartigen Verfallsprozess. Und an dem eingeschränkten Farbenspektrum: Zartbitter, weiße oder Milchschokolade. Sonja Alhäuser modelliert eine ganze Figurengruppe, das Schweizer Duo Fischli und Weiss hat ein Gefäß („Kleines Chübeli“) aus Zartbitterschokolade gegossen, glatt wie Plastik, ähnlich aseptisch. Wenige nur spielen mit dem Werkstoff an sich: Nicola Torke, die das Mundstück einer Kinderblockflöte aus weißer Schokolade gestaltet – ein Traum von Sinnlichkeit für jeden, der die Flöte in den Mund nimmt. Oder Isa Genzken, die ein Rundrelief von Andrea della Robbia in weißer Schokolade nachgestaltet: die Süßlichkeit der Renaissance-Majolika übersetzt in einen neuen Stoff.

Häufiger die Künstler, die jeden Werkstoff für ihr ureigenes Thema nutzen: Rosemarie Trockel zum Beispiel, die Strickkünstlerin, die ein beleibtes Schokoladen-Damenbein mit Netzstrumpfhose bekleidet. Louise Bourgeois, die ihre Penis-, Finger- oder Tentakelformen mühelos in Schokolade übersetzt. Thomas Schütte, der, wie sonst aus Ton, hier aus weißer und brauner Schokolade zwei Männerköpfe bildet, die sich als „vereinte Feinde“ gegenüberstehen. Ayse Erkmen, die Schokoladenbälle aus historischen Kugelformen gießt, die sie einst auf dem Flohmarkt erstand: Die Dresdner Firma Anton Reiche vertrieb zur Nazizeit auch Hakenkreuze und Porträts von Adolf Hitler. Der braune Stoff, auch hier hat er sich bewährt.

Und weiter, mit deutlicher Reminiszenz an Chardins beliebtes „Schokoladenmädchen“: Ilya Kabakov gestaltet ein Service, die Tasse aus Schokolade, die weiße Flüssigkeit darin aus Porzellan: eine perfekte Umkehrung von Form und Inhalt. Und Andreas Slominski versenkt einen perfekt gegossenen Schokoladen-Kolben in das Innere eines Verkehrsschild-Mastes, der vor der Werkstatt seines Formenbauers steht.

Aseptisch ist die Präsentation im Graphischen Kabinett des Museums Ludwig: keine reich gedeckte Tafel, eher ein Labor- und Experimentiertisch. Kühles Licht, keine Spur von süßem Geruch, Verlangen, Lust. Keiner käme auf die Idee, sich hier eine Ecke abzubrechen. Der Hintergedanke, dass sich solche Multiples irgendwann auch gut vermarkten lassen könnten, ist erst im Schokoladenmuseum allgegenwärtig, wo der Herstellungsprozess dokumentiert wird. Hier bekommt man angesichts glänzender Kinderaugen eine Idee von der Leidenschaft, die der süße Stoff hervorrufen kann. Schokolade ist eben doch mehr als ein Werkstoff. Die Künstler haben das wohl vergessen.

Museum Ludwig Köln und Imhoff-Stollwerck-Museum Köln, bis 19. Juni. Katalog (Hatje Cantz Verlag) 19 Euro.

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