Kultur : Ich will so schreiben, wie ich bin

Johannes Völz

Ganz hinten rechts, in der letzten Reihe, dort, wo die Trompeter stehen: Ein Hemd wie ein Farbklecks, leuchtend rot. Darin: Nils Wülker, die große Hoffnung unter Berlins Jazztrompetern. Man sieht ihn selten so weit hinten - an diesem Abend unterstützt er die Trompeter in Nicolai Thärichens Big Band -, doch die Blicke der Zuhörer zieht er trotzdem auf sich. Nicht nur wegen des roten Hemdes. Die hellen blonden Haare, die leicht gespreizten Beine. Als er sich aufmacht zum vorderen Bühnenrand, um ein Solo zu spielen, reichen ihm ein paar kraftvolle Schritte, um am Mikrofon zu stehen. Er reißt die Trompete nach oben und bläst in sein Horn, bis sein Kopf rot anläuft. Fast so rot wie sein Hemd.

Zielstrebig hat er sich im letzten Jahr den Weg für eine Solokarriere geebnet, und das, obwohl er erst 24 Jahre alt ist und noch nicht einmal das Studium an der Hochschule für Musik Hanns Eisler abgeschlossen hat. Für seine erste, eben erschienene CD "High Spirits" hat Wülker einen Vertrag mit Sony ergattert. Schon das ist ein Ereignis. Denn: Noch nie hat Mediengigant einen deutschen Jazzmusiker ins Programm genommen. Überhaupt zeigen die Großen der Musikindustrie selten Interesse an einheimischen Jazzmusikern. Doch hat Wülker gleich noch einige Sponsoren von sich überzeugt: Joop stattet ihn mit Kleidung seiner Wahl aus, VW stellt den Tourbus.

So viel Erfolg weckt auch Misstrauen. Hat die Industrie nach Till Brönner einen weiteren fetten Braten gerochen? Auf die Frage, wie er sich selbst das ungewöhnliche Echo erkläre, sagt Wülker: "Ich hoffe natürlich, dass die Musik eine Rolle gespielt hat." Kurz lässt er den Satz nachklingen und korrigiert ihn: "Oder besser: die Hauptrolle." Doch Musik allein reicht eben nicht mehr. "Viele Leute halten Marketing für Kommerzialisierung. Ich sehe das gar nicht so. Wenn man sich gut vermarktet, gibt das einem die Freiheit, die Musik zu machen, die man machen möchte. Ich kenne Musiker, die sind da viel zu lethargisch." Seine Sätze spricht er so langsam, dass man alles andere als Ehrgeiz bei ihm vermuten würde.

Vielleicht bot Wülker im selben Tonfall auch Sony seine fertig produzierte Platte an. Zwar musste er die Studiokosten selbst tragen, behielt aber die künstlerische Kontrolle. So kommt es, dass er mit seinem Sextett fast ausnahmslos Eigenkompositionen aufgenommen hat. Nicht etwa einfache Themen, über die die Musiker improvisieren. Aufwendige Arrangements hat er geschrieben, das Titelstück ist gar eine dreiteilige Suite. Wülker, der Komponist, entpuppt sich als Klangmaler in der Tradition der einflussreichen New Yorker Big-Band-Leiterin Maria Schneider.

Seinen Mitspielern gönnt er zwar reichlich Platz für Improvisationen, doch müssen sie sich auch der Dramaturgie einfügen. Vieles hat Wülker vorher auskomponiert, eine eher unübliche Methode für Jazz-Combos. Das Resultat zeugt von erstaunlicher Reife: Wülker beweist ein Ohr für eingängige Melodien, seine Harmonien pendeln zwischen Impressionismus und Pop. So beginnt Wülker seine Suite mit einer verträumten Melodie, unterlegt sie aber mit einem flimmernden 12 / 8-Takt. Während der Berliner Querflötenvirtuose Tilmann Dehnhard in seinem Solo die Ecken der Harmonien auslotet, steigert sich die Band, bis die Überleitung des amerikanischen Schlagzeugers Gene Calderazzo zu einem schnellen Funkgroove nur logisch erscheint.

Gelernt hat Wülker sein Handwerk unter anderem bei Steve Gray. Der Komponist und Arrangeur hat für eine Vielzahl berühmter Jazzmusiker gearbeitet, von Al Jarreau bis Jimmy Smith, und unterrichtete Wülker ein Jahr lang als Gastprofessor in Berlin. "Gray hat mir beigebracht, dass man innerhalb eines Stücks oder auch innerhalb einer ganzen CD eine Dramaturgie benötigt. Einen roten Faden, ein musikalisches Konzept, das die Platte trägt." Wie er den roten Faden in seiner Platte beschreiben würde? Da gerät Wülker ins Stocken: "Das ist schwierig. Ich habe so meine Einflüsse und das sind eben Miles, Kenny Wheeler, so ein bisschen Woody Shaw. Und ich habe Klassiksachen ausgecheckt, Strawinsky, Aaron Copland, vielleicht sind auch ein paar Popsachen mit drin."

Man sollte nie etwas machen, das aufgesetzt klingt, hatte sein Lehrer Gray ihm geraten. Deshalb ist er an den üblichen Strategien, Jazz an ein junges Publikum heranzutragen, nur wenig interessiert. "Ich hätte eher Lust, parallel in einer Popband zu spielen."

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