Kultur : Ich, Wir, Welt

Auf Sinnsuche: „Nach D.“ von Anja Gronau im Hau

Andreas Schäfer

Wie die Zeiten sich ändern. Vor einigen Jahren war es auf Theaterbühnen Brauch, dass keine Stücke gezeigt wurden, sondern Text-Kompilationen, zusammengebastelt aus biographischen Versatzstücken der Mitwirkenden. Dreißigjährige stellten sich frontal zum Publikum, ließen die Schultern hängen und sagten Sätze wie: „Hallo, ich bin Till und weiß nicht, ob ich lieber Popstar oder Rennfahrer werden soll.“ Diese fast schon unanständige Luxusschlaffheit selbst war das Ereignis. Und das kuschelige Wir-Gefühl, das sich zwischen Akteuren und Zuschauern auszubreiten begann. Auch heute kommen hin und wieder Schauspieler an die Rampe und erzählen zum Beispiel davon, was sie gerade für Bücher lesen. Aber wie anders ist doch ihr Anliegen geworden!

Eva Löbau, Martina Schiesser, Claudie Wiedemer, Stefan Düe und Marcus Reinhardt, die fünf Akteure, die im Projekt „Nach D.“ von Anja Gronau im Hau 3 nach vorne treten, fragen nach Religion, Sinn, Erlösung. Dass sie dies ganz ernsthaft tun, ohne die Reißleine der Ironie, erfordert Mut; dass dieser Abend dabei ganz ohne Peinlichkeit und falsche Töne auskommt, ist ein kleines Kunststück. „Nach D.“ bezieht sich auf die Stücktrilogie „Nach Damaskus“ von August Strindberg, der sich nach seiner sogenannten „Inferno-Krise“ in den Jahren 1894-96 als Ehemann, Vater, Künstler und Gesellschaftsreformer gescheitert sieht und sich Religion, Mystizismus und Okkultismus zuwendet.

Die Reise ist also vor allem eine innere, über die strapaziöse Geröllwüste des Skeptizismus, an scheinbar unüberwindlichen Widerständen (das Ich! Die Einsamkeit! Das Nichts!) vorbei zum Frieden mit sich. Dabei fungiert die Religion nicht als Fluchtpunkt, sondern als Krückstock auf den letzten Metern. Die „Wiederanbindung“ erfolgt erst, nachdem die Hauptfigur auch den Glauben losgelassen hat.

Anja Gronau erzählt die Stationen dieser Reise nach, nur sind die begleitenden Dämonen und Engel alle von heute. Eine der Spielerinnen hat Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ im Gepäck, eine andere erzählt von der inspirierenden Lektüre eines tibetanischen Meisters, eine dritte wiederum hält das alles für Wohlfühlreligiosität und plädiert für den „Glauben an sich selbst“.

Im Bühnenbild von Mechthild Feuerstein und Michael Pfänder – vereinzelte Styroporinseln auf dem schwarzen Bühnenboden der Sinnlosigkeit – argumentieren, überzeugen, zweifeln oder umarmen sich die fünf und bilden dabei eine Skulptur, die sich zusammenzieht, weitet, um sich wieder zu verklumpen. Man kann sozusagen dem Denken in seiner verschlungenen, verzweifelt zuckenden Bewegung folgen, die logischerweise auf den das Ich aufgebenden Moment der Selbsterniedrigung hinausläuft. Nach schweißtreibenden Kämpfen liegt „der Unbekannte“ schwer atmend auf dem Boden, die Arme ausgebreitet, als bitte er um Aufnahme in ein Kloster. Am Ende wird der stille Körper mit herausgerissenen Buchseiten bedeckt – der einzige missglückte Moment dieses intelligenten Abends.

Wieder am 9. und 12.-14. Januar

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben