Kultur : „Ich wollte der neue Böll werden“

1987 schrieb Joachim Lottmann den Pop-Klassiker „Mai, Juni, Juli“. Seinem Kollegen Sven Lager erzählt er, was seitdem geschah

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Ein sonniger Frühlingsabend in BerlinMitte. Ein Schriftstellertreffen unweit des Hackeschen Marktes: Sven Lager besucht Joachim Lottmann. Lottmann trinkt einen Kaffee nach dem anderen und knabbert Kekse, Lager raucht ohne Unterlass und gibt die Stichworte.

Joachim, was mir zuerst in deiner Wohnung auffiel: Es gibt keine anderen Bilder oder Bücher als deine eigenen.

Jeden Tag schlage ich irgendetwas auf, lese einen Satz und betrachte ein Foto, und es macht mich total glücklich.

Seit wann machst du Fotos?

Als ich zehn Jahre alt war, habe ich mir zu Weihnachten meine erste Kamera selbst geschenkt, ich habe sie verpackt und mir anonym mit der Post zugeschickt.

Für jedes Jahr gibt es ein Fotoalbum, und immer bist du zu sehen oder eine deiner Frauen. Es hat nichts Künstlerisches, es ist Antikunst und erinnert mich daran, was auf der Originalausabe von „Mai, Juni, Juli“ auf dem Rücken steht: Kein Konjunktiv, kein Tiefgang.

Und nur aus der Motivation heraus: Alles festhalten und zwar 1:1, in keiner Weise verstellt, übertrieben, forciert. Aber natürlich mache ich eine Auswahl. Nur jedes hunderste Bild wird eingeklebt, und die Frauen müssen absolut erotisch aussehen und dürfen nicht merken, dass sie fotografiert werden. Ich weiß nicht, wie ich darauf gekommen bin, aber mit der ersten Frau war das Motiv klar, weil ich wusste, ich würde sie ja doch wieder verlieren und ich wollte wenigstens die Fotos behalten. Fast täglich gucke ich mir diese wunderbaren Bilder an, alle meine Freundinnen.

Es ging immer nur um die Frauen?

Die Frauen erotisieren die Welt. Eine nicht erotische Welt hat mich niemals interessiert. Ganz selten war ich ohne Freundin. Mit 17 bin ich alleine getrampt, furchtbar, nur diese ganzen jungen Knilche auf der Straße, mit denen man Haschisch rauchen sollte und sich zwangssolidarisieren. Mir hat es vor Langeweile fast das Gehirn zerrissen. Die Pubertät war ein beispielloses Martyrium.

Aber wenn du immer in einer erotisierten Welt gelebt hast, wann hast du dann die vielen Romane geschrieben, an die 40 Stück?

Ich schreibe nur, wenn ich verliebt bin, das kann auch ganz kurz sein, eine halbe Stunde. Verliebtsein und Schreiben ist für mich dasselbe.

Gibt es für dich keinen Unterschied zwischen Erotisierung und Verliebtsein?

Nein, das ist dasselbe. Man sieht diese hübschen, jungen Dinger mit ihren langen Beinen und ist so ein bisschen verliebt.

Aber genau von diesen vorbeigehenden Mädchen hast du keine Fotos gemacht.

Weil ich diese Alben nur gemacht habe, wenn ich gerade in einer festen Ehe steckte. Kennst du meine Kurzgeschichte „Die Reise 2, Badefreuden“? Die beschreibt, wie meine zweite Frau und ich in den Urlaub fahren. Wir haben keine ruhige Minute und streiten uns immer, und irgendwann erleben wir , genau wie Peter Handke, den Moment der wahren Empfindung oder des totalen Glücks: Wir sitzen in einer spanischen Hafenstadt am Kai und es gehen praktisch nackte Mädchen an uns vorb ei. Ich beschreibe es quasi in Zeitlupe und ich habe es fotografiert. Das konnte meine Frau nicht verhindern.

Bevor ich „Mai, Juni, Juli“ Ende der Neunzigerjahre las, hatte ich sehr unterscheidliche Bilder von dir, die sich fast alle widersprachen. Bei Rainald Goetz, den du ja lange kanntest, tauchst du auf als „kaputt“, wenig später warst du dann der schmierige Redakteur, der ständig der Freundin meiner Frau nachsteigt. Mich hat das fasziniert, da rumpelte jemand durchs Leben und nahm sich in seiner Verzweiflung, was er brauchte. „Mai, Juni, Juli“ hat mich dann überrascht, kurz darauf lernten wir uns kennen.

Ich steckte Anfang der Neunzigerjahre in einer tragischen Situation. Mir stand ein Zusammenbruch ungeahnten Ausmaßes bevor, vielleicht sogar mit tödlichem Ausgang.

Als „Mai, Juni, Juli“ vor 15 Jahren erschien, hast du in dein Fotoalbum geschrieben: „Endlich, ich bin wer, ich habe es geschafft.“ Aber danach gab es lange kein Buch mehr von dir.

Doch, ich schrieb sofort einen Roman, der noch besser war: „Verliebt“. Bis heute mein bester. Nie erschienen. Es geht um einen Stalker, der besessen ist von einer Frau. Wenn „Verliebt“ herausgekommen wäre, dann wäre der Nachfolger noch radikaler gewesen. Aber er wurde vom Verlag abgelehnt .

Helge Malchow, damals Lektor, der aber in „Mai, Juni, Juli“ in weiser Voraussicht schon „der Verleger“ genannt wird, und das als Chef von Kiepenheuer & Witsch heute ist, schreibt im Nachwort zur Neuausgabe, alle deine Romane wären gleich gut. Für ihn waren das alles Wiederholungen von „Mai, Juni, Juli“.

Nach „Verliebt“ habe ich wieder einen Roman geschrieben, der wie „Mai, Juni, Juli“ war. Das war „Die Frauen, die Kunst und der Staat“ und nahm die Kölner Kunstszene aufs Korn,die jungen Wilden, schon aus dokumentarischen Gründen interessant. Das gab großen Ärger, plötzlich war ich ein Verräter, ein Wallraff von der anderen Seite, nachdem Teile aus dem Buch in der Zeitschrift „Wiener“ veröffentlicht worden waren. Für mich war es ein Spiel mit den Medien, wie es später auch Benjamin von Stuckrad-Barre gemacht hat. Ich musste mich also blitzschnell umorientieren und habe geheiratet und auf totale Ehe gemacht. Die Leute lasen meine Romane nicht, also habe ich die Romane getauscht gegen eine Frau. Die las alles mit großer Begeisterung. Für sie war ich ein großer Schriftsteller. Das hat mich gerettet.

Was wäre passiert, wenn alle deine Romane veröffentlicht worden wären?

Ich hätte den gleichen Status behalten, den meine Mitstreiter bis heute bewahrt haben, also Rainald Goetz, Diedrich Diederichsen, Thomas Meineke, Martin Kippenberger und Albert Oehlen. Dann hätten sie mich nicht ausgeschlossen, weil ich die Grundregeln jeder Seilschaft missachtet hatte: dass man seinen eigenen Leuten nicht wehtun darf. Ich hatte großartige Pläne: mit Wallraff wollte ich ein Spionagebuch machen, mit Helge Malchow wollte ich ein Buch machen, ich wollte, daß er Teile des Buches schreibt und wir dadurch den Autorenfetischismus und die Ich-Sucht beenden, Andy-Warhol-mäßig. Diedrichsen schrieb unter meinem Namen ja wirklich Artikel in der „Welt“ und ich unter seinem Namen in der „Spex“. Ich wollte sogar einmal der neue Böll werden, der schrieb ja auch so schön schlecht.

Wie Harald Schmidt heute, der auch jeden Tag Hunderte von Ideen hat als Intellektueller und dennoch populistisch ist.

Ich wäre viel zu schwach für sowas. Ich habe gerade mal eine Stunde Kraft am Tag. Harald Schmidt macht seine Show, spielt Theater, telefoniert ständig und macht keinen Fehler, bei mir ist das nur so ein dünnes Rinnsal, das in die Schreibmaschine reinfließt. Aber 1993 war meine Ehe zuende, die BRD war tot, nichts ging mehr und es vergingen Jahre, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, keine Fotos in dieser Zeit, nichts.

„Mai, Juni, Juli“ ist einerseits sehr wahr, andererseits maßlos übertrieben und verfälscht. Niemand wusste später, ob du, wie du es in einer Geschichte geschrieben hast, Houllebecq wirklich jemals in Bangkok getroffen hast. Was dich am wenigsten zu interessieren scheint, sind Tatsachen.

Ja, aber auch die Wahrheit über das eigene Ich. Die Therapeutenszene zu beschreiben, wie ich es in „Unter Ärzten“ getan habe, war für mich immer interessanter als herauszufinden, was in meinem Innersten vorgeht, ob es da um einen Ödipuskomplex geht oder irgendwelche Triebstauängste. Ich will immer Joachim Lottmann bleiben und darüber vom Leder ziehen können.

Aber kann das über die Jahre nicht zu einer Falle werden?

Ich bin 1993 in die Therapie gegangen und habe dabei große Teile meiner Schreibfähigkeit eingebüßt. Das ist nie wieder zurückgekommen. Es freut mich ja, dass du mich immer noch nett findest, aber ich kann dir versi chern, dass ich vorher wesentlich netter war.

Kritiker werfen dir vor, deine neuen Geschichten seien nur noch Lottmannpersiflagen.

Das war schon immer eine Gefahr. In „Deutsche Einheit“ fing es schon an, daß ich bei jeder Frau, die ich sah, immer gleich schrieb: „Sie sah sehr gut aus“, überall waren „blutjunge Nymphomaninnen, die in Ekstase geraten“. Das war ein Unbehagen mir selbst gegenüber, die Lage in Berlin als Single war schrecklich. Da enstand ein Galgenhumor, was das Thema Sex angeht, frei nach Markwort: Und niemals an den Leser denken!

Ist die Neuauflage von „Mai, Juni, Juli“ ein Neuanfang?

Ja, aber wie lange trägt dieser zweite Atem? Mauerfall und Wiedervereiningung haben das Bewusstsein verunmöglicht, das aus „Mai, Juni, Juli“ spricht. Inzwischen hat sich Deutschland wieder von den Ossis und von Helmut Kohl erholt und seit ’98 sind wir wieder da, wo wir schon ’88 waren. Es gibt einen großen Freund, der einen unterstützen kann oder auch nicht, und das ist der Zeitgeist. Ich hatte das große Glück, dass der Ende der Achziger in meine Richtung wollte und meine schwachen Kräfte unterstützte. Dann kamen die Verfallsjahre von Helmut Kohl. Als Schröder die Wahl wiedergewonnen hat, war das für mich das wichtigste Datum überhaupt. Wenn Schröder gescheitert wäre, dann wäre auch meine Zeit vorbei gewesen.

Du meinst, wenn Schröder nicht wiedergewählt worden wäre, wäre auch „Mai, Juni, Juli“ nicht wieder herausgekommen?

Genau .

Aber Politik ist doch nur eine Metapher.

Als ich ein Junge war, lagen im Arbeitszimmer meines Vaters immer diese „Spiegel“-Ausgaben mit den großen Porträtköpfen vorne drauf. Für meinen Vater, der es als FDP-Politiker bis in den Bundestag gebracht hatte, war das Manna.

Zuhause hörst du heute noch die Memoiren von Konrad Adenauer auf Schallplatte.

Wenn er von seiner Jugend erzählt, ist das sehr beruhigend. Und für mich ist es auch beruhigend, wenn Schröder jeden Tag vor die Kamera tritt und sagt: Wir schaffen das!

In mancher Hinsicht bist du alterslos. Mit der Generation der Zwanzigjährigen verstehst du dich, die gar nichts anderes mehr kennen als die Ruinen des Sozialstaats und für sich selber sorgen müssen, und das manchmal mit einer seltsamen, aber ansteckenden Euphorie. Dagegen kam Ende der Achtzigerjahre ein euphorisches Bejahen nicht in Frage. Rainald Goetz hat mal gesagt, er hätte viel zu lange immer nein gesagt, bis er sich schließlich erstmal alles bejaht hätte, als Befreiung.

Kultur ist inzwischen fast identisch mit Jugendkultur. Gerade war ich eine Woche lang mit meinem 24-jährigen Cousin unterwegs. Es war hinreißend, was der mir alles geboten hat an Musikvideos, da reißt mein Gehirn auf. Das jeweils Neueste begeistert mich.

Verstehen die jungen Leute von heute denn dich und deine Bücher?

Für sie sind das die schönsten Märchen von den Gebrüdern Grimm oder so. Als die „Titanic“ den großen Lottmann-Relaunch ankündigte, ist mein Cousin zur Tankstelle gerannt, hat mehrere Exemplare gekauft und mir laut schreiend den Artikel vorgelesen. Junge Menschen denken übrigens in „Mai, Juni, Juli“ sei alles hundert Prozent wahr.

Jetzt, da es wieder herauskommt, sind wir wieder in einer Phase der unerträglichen Ernsthaftigkeit. Literatur muss wieder ganz ernst, ungefährlich, im besten Falle lakonisch sein.

Nach dem 11. September hat man es sofort gespürt: Über Nacht konnte keiner mehr unernst sein.

Aber „Mai, Juni, Juli“ ist doch ernst, während die so genannten ernsthaften Bücher ein Reden um den heißen Brei zelebrieren. Was um einen herum in Deutschland passiert, kann kaum einer beschreiben.

Inzwischen müsste ich radikaler schreiben, wie Houellebecq. Auch mein neuer Geschichtenband „Hulebeck auf deutsch“ ist nicht houellebecqhaft genug.

Houellebecq beschreibt das Ungeheuerliche sehr verhalten und emotionslos.

Meine Idee war, aber sie kann auch falsch gewesen sein, über genau diese Verzweiflung, seitdem ich in Berlin bin, etwas zu schreiben. So wie ich in „Mai, Juni, Juli“ damals über Köln geschrieben habe, über dieses Euphorische, die Welt ist doch so schön, so würde ich jetzt gerne mal meine Wut über die tote Gefühlsregung der westlichen Hemisphäre aufschreiben.

Dabei beschreibst du in „Deutsche Einheit“ diese sommerleichte Euphorie darüber, wie Berlin in den Neunzigern neu entstanden ist.

Die Idee Berlin ist längst wieder tot, leider. F rüher war klar, man mochte ein Mädchen, man hat über Sex nicht gesprochen, brauchte man nicht. Jahrzehntelang ist das bei mir gutgegangen. Nur in Berlin ging es nicht mehr, und ich habe gemerkt, dass es allen anderen um mich herum nicht so geht wie meinem Nachbarn, der sich seit 12 Jahren in Männer verliebt, die nichts von ihm wissen wollen, während er nichts wissen will von den Männern, die sich in ihn verlieben. Ihm geht es also genau wie mir, nur als Homosexueller erlebt er das Problem noch radikaler. Noch finden die Leute das lustig, dieser muntere Reigen, wie bei Schnitzler, der reinste Komödienstoff, dabei ist es das Furchtbarste und kommt gleich nach Krebs. Oder auch nicht, sie bekommen ja alle Krebs.

In jeder anderen deutschen Großstadt kennt man spätestens nach einem Jahr alle möglichen Partner, und wenn da nichts dabei ist, dann Pech. In Berlin läuft man sich jahrelang nicht über den Weg und bleibt einsam. Das fällt mir immer dann auf, wenn ich zurückkomme, gerade aus dem Süden, wo Menschen sich auf der Straße anflirten, sich beinahe streicheln. Ddanach ist Berlin ganz schön hart. Vielleicht deswegen so beliebt bei Schriftstellern.

Aber das stimmt doch alles gar nicht so.

Mir war das immer verdächtig, das einsame Schreiben. Gestern habe ich das Inselstipendium entdeckt, 8 Wochen Sylt und eine Woche auf der Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt. Diese Überidee vom einsamen Schriftsteller. Überall verlassene Bahnhofshäuschen, Leuchttürme und alles so genannte ideale Orte für Schriftsteller, einsam und karg, finanziert von der örtlichen Sparkasse.

Wenn überhaupt, dann möchte ich ein Stipendium in der Wallstreet, direkt auf dem Parkett, neben ntv-Moderator Markus Koch.

Joachim Lottmann liest am 12. Mai im Café Eggers & Landwehr, Rosa-Luxemburg-Str. 17, aus „Mai, Juni, Juli“, 20 Uhr.

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