Kultur : Ich wollte nichts als Klänge bilden

Ulrike Nürnberger

Im Januar 1911 besuchte Wassily Kandinsky mit Künstlerfreunden in München eine Aufführung von Werken des Komponisten Arnold Schönberg. Die Avantgarde-Künstler waren begeistert, besonders vom Streichquartett opus 10, bei dessen Uraufführung es in Wien zu Tumulten im Publikum gekommen war. Kandinsky erkannte in der "freien Atonalität", durch die Schönberg mit zentralen Regeln der klassischen Komposition brach, eine große Wesensverwandtschaft zu seiner immer abstrakter werdenden Malerei. Eine bedeutende Rolle in diesem Wandlungsprozess spielte der Holzschnitt, der es Kandinsky ermöglichte, sich voll und ganz auf die Fläche zu konzentrieren. Die Entwicklung vom figurativen zum sogenannten abstrakten Bild lässt sich so am deutlichsten in der Holzschnittfolge "Klänge" verfolgen, die zwischen 1907 und 1912 entstanden ist und 1913 im Münchner Pieper Verlag in einer Auflage von 300 signierten Exemplaren erschien. Es handelt sich dabei um von Kandinsky selbst verfasste Prosagedichte, die mit Holzschnitten illustriert sind. Die "Klänge" beschreiben die Gedanken und den Seelenzustand des Künstlers: "Ich wollte nichts als Klänge bilden. Sie bilden sich von selbst."

Dem Kunsthandel Wolfgang Werner ist es gelungen einen bisher unbekannten, nahezu kompletten Satz einzigartiger Probe- und Farbandrucke dieser Folge zusammenzutragen. Sie sind teilweise sogar mit Kandinskys eigenhändigen Druckanweisungen versehen, die jedoch in der Ausstellung leider vom Passepartout verdeckt sind. Die Existenz dieser Drucke war selbst Kandinsky-Kennern, wie dem Verfasser des Werkverzeichnisses Hans Konrad Roethel, unbekannt geblieben. Einen Einblick in die Editionsgeschichte vermitteln große Bögen Andruckpapier, auf denen Gruppen von Holzschnitten zusammengefasst sind. Kandinsky benutzte diese zur Herstellung der Maquette seines Buches. Aufschlussreich sind auch die Farbandrucke ohne Schwarzform, wie "Lyrisches" (1911), die ohne Umrisslinien und räumlichen Zusammenhang wie Vorboten seines Spätstils erscheinen.

Eine noch frühere Gruppe bilden die Holz- und Farbholzschnitte der Jahre 1902-1907. Vom japanischen Stil inspiriert, wurden diese subtilen Arbeiten mit zwei Platten gedruckt: einer Farbplatte, auf der die verschiedenen Töne in zartesten Aquarellfarben mit dem Pinsel oder dem Ballen der Hand aufgetragen wurden, und einer Schwarzplatte, die dem Ganzen Kontur gab. Angesichts der zunehmenden Abstraktionen in den "Klängen" überraschen die bürgerlichen Themen dieser frühen Produktion und die Nähe zum Jugendstil. Die Preise der Drucke beginnen bei 4800 Euro; der prächtige, großformatige Farblinolschnitt "Der Spiegel" von 1907 ist auf 148 000 Euro taxiert.

Gabriele Münter, Kandinskys langjährige Lebensgefährtin und künstlerische Mitstreiterin, ist mit zwölf Arbeiten in der Ausstellung vertreten, darunter ein Bildnis von Kandinsky am Harmonium aus dem Jahr 1907. Münter lernte Kandinsky 1902 an der von ihm neu gegründeten Kunstschule "Phalanx" kennen, die Studentinnen einen Männern gleichgestellten Unterricht ermöglichte. Ihr höchst eigenwilliges Werk gehört zu den großen Seltenheiten auf dem Kunstmarkt und wird zwischen 2600 und 18 000 Euro gehandelt. Münter färbte die Druckstöcke eigenhändig mit bis zu acht Farben ein und variierte die Farbstellung von Abzug zu Abzug. Die zarten Drucke lassen eine erstaunliche Meisterschaft in der Beherrschung der Technik und der Farbeffekte erkennen. Obwohl Münter einige Drucke als Holzschnitte bezeichnete, handelt es sich meist um Linolschnitte, von denen einige Platten sich noch heute in der Münchner Städtischen Galerie im Lenbachhaus erhalten haben. Das Medium der Druckgraphik kam ganz offensichtlich der ausgeprägten zeichnerischen Begabung Münters und ihrer Fähigkeit entgegen, ein Bild in einfache und flächige Formeinheiten anzulegen. Im Unterschied zu Kandinsky blieb sie jedoch trotz hohem Abstraktionsgrad immer dem Gegenstand verhaftet.

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