Kultur : „Ich wundere mich über nichts mehr“

Nieder mit dem zeitgenössischen Theater, nieder mit der Politik: Leo Tolstoi holt aus zum Rundumschlag gegen seine Zeit

Was ist der Mensch ohne Leiden? Der Schriftsteller Leo Tolstoi. Foto: picture-alliance / dpa
Was ist der Mensch ohne Leiden? Der Schriftsteller Leo Tolstoi. Foto: picture-alliance / dpaFoto: picture-alliance / dpa

Leo Tolstoi (1828 - 1910) führte das hier abgedruckte Gespräch vier Jahre vor seinem Tod. Es fand sich im Nachlass des 1909 tödlich verunglückten Journalisten Prow Stetschkin, der es bei der Zeitschrift „Kurier“ nicht mehr unterbringen konnte, nachdem diese ihr Erscheinen eingestellt hatte. Das von Peter Urban nach der russischen Erstveröffentlichung von 2003 übersetzte Interview erscheint hier – stark gekürzt – zu Tolstois 100. Todestag am 20. November erstmals auf Deutsch. Es handelt sich um einen Vorabdruck aus Heft 5 / 2010 der Zeitschrift „Sinn und Form“ (Einzelheft 9 €, www.sinn-und-form.de), in der es dieser Tage vollständig veröffentlicht wird.

PROW STETSCHKIN: Ich wollte über Ihr Verhältnis zum Theater sprechen. Über seinen Niedergang im Hinblick auf das Repertoire, auf die Darsteller.

LEO TOLSTOI: In unserer Zeit hat man in allen Künsten die Technik zu einer bemerkenswerten Vollkommenheit geführt. Aber das ist doch nicht alles, was die Kunst braucht. Begabte Darsteller sind nirgends zu sehen, gute Stücke auch nicht. Und so ist es überall! Alles ist stehengeblieben beim Äußerlichen, bei der Technik. Nehmen Sie Dostojewski. Mit seiner Technik ist er unter aller Kritik, aber er hat nicht nur uns Russen, sondern ganz Europa eine völlig neue Welt entdeckt. Technik ist durchaus nicht die Hauptsache. Nehmen Sie die heutigen Theaterstücke. Um Ibsen macht man großes Geschrei. Ich habe sein Stück „Wenn wir Toten erwachen“ gelesen.

Und wie fanden Sie es?

Das ist doch Gott weiß was! Was für eine Fieberfantasie! Stellen Sie sich vor: Sein Held, ein Bildhauer, sucht die Wahrheit, seine Frau sucht ebenfalls die Wahrheit und bringt einige Leute um den Verstand – und kehrt, nach diesen Heldentaten, zu ihrem Mann zurück, und der Künstler steigt mit ihr auf irgendeinen Berg, um hier näher an der Wahrheit zu leben. Ist das vielleicht das Leben?! Sind das vielleicht Charaktere?! Wo ist hier das Drama, in diesem dekadenten Wirrwarr?! Vor dreißig, vierzig Jahren hätte irgendein Feuilletonist auf ein Drama wie diese Ibsen’sche Phantasmagorie eine giftige Parodie geschrieben – und damit wäre die Sache erledigt gewesen. Heute sieht man nur das eine – die Technik. Jedwedes Schaffen ist nur dann würdig, einen Platz unter den Kunstwerken einzunehmen, wenn es die Seele zu Gott erhebt oder edle Gefühle weckt, welche die Liebe der Menschen zueinander entfachen.

Ja, nur aus irgendeinem Grund finden russische Künstler Gefallen an der Düsternis, stellen beharrlich nur Tod und Leid dar.

Hässlich und schrecklich ist der Tod nur auf den Gemälden unserer Künstler. Hier, in unseren Dörfern, kleidet er sich in Formen von majestätischer Einfachheit, ja beinahe der Freude. Ich erinnere mich an einen Bauern aus dem Nachbardorf, der im Sterben lag. Sein Todeskampf währte einige Tage, aber er verlor keinen Augenblick seine heitere Ruhe. Als der Tod nahte und man ihm, wie es Brauch ist, eine Kerze zwischen die Finger steckte, nahm sein Gesicht den Ausdruck einer unsagbaren, unerschütterlichen Klarheit an. Hier in unserer Gegend stirbt jeder so. Der abstrakte Begriff hat sich für diese Menschen verwandelt in das lebendige Gefühl grenzenlosen Glaubens, der Tod ist für sie vor allem eine Befreiung; sie empfinden keinerlei Furcht. Einem Menschen, dem der Tod naht, erscheint er als Ruhe und Frieden, als Traum und ein Ausruhen, das die Tage der Sorgen und des Kummers beendet. Aber das Leiden ist unerlässlich. Das ist ein mystisches Gesetz; und mit seiner Abschaffung wäre nichts gewonnen. Man kann versuchen, es zu zu mildern, aber nicht es abzuschaffen, denn es ist notwendig, dass der Mensch leidet, damit die Menschheit Schmerz empfindet, damit die Seele durch das Leid geläutert wird.

Trotzdem strebt der Mensch nicht nach dem Leiden, sondern nach dem Glück…

Und ringt mit allen Kräften nach dem, was man für das wahre Glück gar nicht braucht. Damit nicht genug – wenn er das eine erlangt hat, ist es ihm zu wenig, und er quält sich weiter, um immer mehr und mehr zu bekommen. Wie vielen erbitterten Menschen man heute begegnet! Was ist nicht alles revolutioniert worden. Der gegenwärtige Zerfall wird erst enden, wenn die Gesellschaft beginnt, über sich nachzudenken, und sich bessert.

Das heißt, Sie sehen das, was heute geschieht, all das vergossene Blut, als etwas Zeitliches, etwas Vorübergehendes an?

Natürlich, das war die Lektion, die wir gebraucht haben. Was heute geschieht, ist das unvermeidliche Resultat des Lebens, das wir geführt haben. Es war notwendig zu erkennen, wohin die Fäulnis führt, auf der wir gebaut haben. So wie man den Hund, der Dreck gemacht hat, mit der Schnauze in den Dreck stoßen muss, um ihm das abzugewöhnen. Nach solchen Lektionen erst werden wir begreifen, wie man leben soll.

Und wie lebt man glücklich?

Die erste Bedingung ist ein Leben fern der Stadt, unter freiem Himmel, an der frischen Luft, auf dem Lande. Schauen Sie, selbst die Poesie stellt sich das Glück so vor, und wenn sie ein Arkadien entwirft, besingt sie ein idyllisches Leben im Schoße der Natur, fernab der Städte…

Das heißt, für Städter ist das Glück unerreichbar?

Unerreichbar, davon bin ich überzeugt! Schauen Sie, wozu diese Menschen verurteilt sind: Sie sehen Gegenstände, hergestellt durch menschliche Arbeit und bei künstlichem Licht; sie hören den Lärm der Maschinen, das Rattern der Equipagen; sie riechen Alkoholdunst und Tabakrauch; sie essen Dinge, die oft nicht frisch sind und stinken. Sie haben keinen Umgang mit der Erde, mit Pflanzen und Tieren. Das ist ein Leben von Strafgefangenen! Die Stadt führt zu Streiks! Einige zehntausend Menschen, die Reformen wollen, sind nicht das russische Volk: Sie sind nur ein verschwindend kleiner Teil. Man darf nicht vergessen, dass das russische Volk aus 120 Millionen Bauern besteht, die sich sehr wenig um einen Arbeitstag von acht oder zehn Stunden kümmern, um Hilfskassen und Streikforderungen. All das brauchen die Herren Sozialdemokraten, die am falschen Ende beginnen. Sie sind zusammengepfercht in den Städten und Fabriken und wollen von dort aus das Leben umgestalten. Und scheren sich nicht um die Bauern, aber in denen steckt die ganze Kraft. Man darf sich nicht lösen von der Natur und vom Land. Hier liegt die ganze Wahrheit. Gebt dem Bauern Land, befreit ihn von der Sklavenarbeit, und das ganze Leben wird sich verändern. Auch das der Arbeiter. Aber alles schreit: „Das Proletariat, das Proletariat!“ – während sich das Leben nicht um ein Jota verbessert.

Sie reagieren so lebhaft, während man in den Zeitungen schreibt, Tolstoi stünde abseits der gesellschaftlichen Bewegung, die ganz Russland auf die Beine gebracht hat.

Ich bin fortgegangen aus dieser Welt. Ich lese keinerlei Zeitungen. Das habe ich aufgegeben, wie man das Rauchen aufgibt. Vorgestern hat man mir eine Zeitung zugesteckt. Mir wurde übel wie einem Menschen, der zuvor nie geraucht hat. Allein die Sprache, die Art der Darstellung, die Themen – alles erscheint mir Übelkeit erregend. Ich wünschte, ein seriöser Literaturkritiker nähme die Arbeit auf sich, eine Ausgabe einer beliebigen Zeitung Zeile für Zeile auseinander zu nehmen. Sie würden sehen, wie die Zeitung heutzutage die Gesellschaft demoralisiert. Alles, von der Sprache bis zur Auswahl der Fakten, ist tendenziös und entstellt! Sie würden staunen, welch kleinliche und trübe Interessen die Gesellschaft beherrschen, nur weil die Zeitungen ihr das eingeredet haben. Tschechow nahm aus dem Leben das, was er sah, unabhängig vom Inhalt des Gesehenen, und gab es wunderbar bildhaft wieder. Was ihn im Moment des Schaffens interessierte, erschuf er wieder bis in die kleinsten Züge. Und dank seiner Ehrlichkeit schuf er vollkommen neue Formen. Seine Sprache ist außergewöhnlich. Ich erinnere mich, als ich ihn zu lesen begann, erschien er mir irgendwie disharmonisch; aber sowie ich mich eingelesen hatte, fesselte mich diese Sprache. Gerade dank dieser Disharmonie fesselt er ungemein und legt Ihnen sehr schöne künstlerische Bilder in die Seele. In der Technik steht Tschechow weit über mir!

Welche Forderungen stellen Sie an das Drama?

Technische Vollendung, Bedeutsamkeit des Themas und Durchdringung des Sujets. Man kann ein großer Schriftsteller sein, selbst wenn die technische Vollendung und die Beherrschung des Gegenstandes fehlen. Aber man kann kein großer Schriftsteller sein, wenn man nicht mit Herzblut schreibt, sondern nur zum eigenen Vergnügen schafft und ästhetische Spielereien betreibt, wie wir das bei Goethe und Shakespeare sehen.

Aber sie gelten als die Größten…

Die Menschen sind blind. Sie stehen unter dem Druck jahrhundertelanger Massenbeeinflussung. Es ist geradezu unglaublich, welche Vorstellungen man erwecken kann, wenn man ständig von ein und demselben Gesichtspunkt aus über ein und dasselbe spricht. Die Mehrheit hat überhaupt keinen Sinn für die Poesie, für die Kunst, sie spricht mit fremder Stimme, mit der Stimme der Autoritäten. Wären die Menschen fähig, sich Shakespeare vorurteilslos zu nähern, fänden sie bald heraus, dass die Ehrfurcht vor ihm unbegründet ist. Er ist grob, unsittlich, schmeichelt den Starken, verachtet die Kleinen, verleumdet das Volk, ist geschmacklos in seinen Scherzen, hat unrecht mit seinen Sympathien, ist ohne Edelmut, trunken vom Erfolg bei den Zeitgenossen, obwohl nur wenige Aristokraten ihn guthießen. Und sein künstlerisches Talent hat man überschätzt, denn das Beste hat er von seinen Vorgängern und aus den Quellen übernommen. Aber nehmen Sie nur das höchstgelobte seiner Dramen – den „König Lear“: Da kommt irgendein König dahergelaufen, man setzt ihn auf den Thron, dann ringsumher Truppen, sie ziehen in die Wüste – wozu das? Ich verstehe es nicht.

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