Kultur : Ich zeige dir was, was du nicht siehst

Paradox: Die Berliner Kunst-Werke präsentieren das Unsichtbare in der Kunst

Nicola Kuhn

Die Kunst-Werke sind den Umgang mit Paradoxen gewöhnt. Wenn im Ausland das Gespräch auf Berliner Ausstellungsinstitutionen kommt, dann ist häufig als Erstes von der ehemaligen Margarinefabrik in der Auguststraße die Rede. Das Haus besitzt fern von Berlin eine Strahlkraft, die ihm in der Stadt selbst zu fehlen scheint. Zwar sind die „Roaring Nineties“ in der Spandauer Vorstadt lange schon vorbei, aber noch immer finden hier neben der Berlin-Biennale wichtige Ausstellungen statt, wenn auch in bescheidenerer Dimension.

Da für jedes Projekt zunächst die Mittel akquiriert werden, muss sich Kuratorin Susanne Pfeffer schon etwas einfallen lassen. Im vergangenen Jahr war es die furiose Schau „5 minutes later“ über Kunst, die exakt innerhalb dieser Frist entstanden ist. Ebenfalls ein Paradox, denn manchmal dauert ein ganzes Künstlerleben lang, was am Ende in fünf Minuten niedergeschrieben, gemalt, gezeichnet ist. Nun präsentiert die Ausstellungsmacherin „For the use of those who see“, das ebenfalls einen fundamentalen Widerspruch in der Kunst beschreibt und zugleich zu ihren Grundlagen gehört: das Phänomen der Nichtdarstellbarkeit, die Differenz zwischen Bild und Wirklichkeit. Zehn Arbeiten wurden dafür klug ausgewählt, fein arrangiert, für die ein einziges Geschoss reicht. Die oberen beiden Stockwerke bleiben aus Kostenersparnisgründen leer, im Untergeschoss wird der US-Filmemacher Owen Land gewürdigt (Besprechung folgt).

Ein minimalistischer Geist umweht das Haus, das einstmals Impulsgeber des Berliner Kunstwunders war. Beobachtern wird weh ums Herz, zumal angesichts der Diskussion um die vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit gewünschte Kunsthalle. Die hat ihm zwar seine eigene Fraktion verwehrt, aber dennoch für das kommende Jahr 200 000 Euro sowie das darauffolgende 400 000 Euro bereitgestellt, damit an verschiedenen Orten in der Stadt ein mögliches Konzept ausprobiert werden kann.

Eine Art Wanderpokal der Kunst haben die Politiker damit kreiert, mit dem allerdings vor allem Geld herausgeworfen wird, denn die Kosten für eine immer wieder neu bereitgestellte Infrastruktur sind enorm. Da wäre es weit effektiver, jene unterversorgten Berliner Institutionen zu unterstützen, die bislang die Kunsthallenfunktion übernommen haben: allen voran die Kunst-Werke, ebenso die Berlinische Galerie, die Akademie der Künste, die Kunstvereine, selbst der Martin-Gropius-Bau. Außerdem muss neu evaluiert werden, wofür eine Kunsthalle tatsächlich benötigt wird, was die anderen Einrichtungen zu leisten haben, seitdem der neue Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, seine Häuser wieder stärker einbringt und sich damit die Gewichte in der Stadt verschoben haben. Dann erst kann eine Diskussion darüber folgen, ob das Gehäuse eine neue Architektur oder ein umfunktionierter Altbau sein soll.

Klaus Wowereits Traum von Bilbao in Berlin, die Vorstellung von einer Vorzeigearchitektur, mit der man Investoren ködert, war allzu verräterisch. Auch seine rigorose Ablehnung der Kreuzberger Blumenhalle als Alternative, nur weil die grüne Kulturausschussvorsitzende Alice Ströver sie sich auf die Fahnen geschrieben hat, ist ebenfalls leicht zu durchschauen. Wenn also die für 2010/11 in Aussicht gestellten Gelder einer Kunsthalle nützen sollen, müssen erst politische Eitelkeiten und Animositäten beiseitegeräumt und Grundsatzfragen geklärt werden. Wie wichtig es ist, die Künstler zu befragen, bewies die Podiumsdiskussion jüngst im Hamburger Bahnhof.

Die Ausstellung in den Kunst-Werken zeigt, dass sie zwar einfache Antworten geben mögen, die jedoch den Denkraum weiten. So führt John Baldessari in seinem Video „Time / Temperature“ eine Sanduhr und ein Thermometer vor, die genau jene Phänomene demonstrieren, die eigentlich nicht darstellbar sind. Oder wie ist es mit der Trauer, dem Tastsinn? Das älteste Werk der Ausstellung stammt von Alphonse Allais aus dem Jahr 1897, ein „Trauermarsch für einen großen tauben Mann“, bestehend aus leeren Notenlinien. David Zink Yi deckt mit seinem Video „Deine Hände“ die Lücke zwischen Spüren, Sagen und Zeigen auf. Zwei Hände tippen die Sätze „Deine Haare nehmen. Deinen Kopf tasten. Deine Stirn klopfen“ auf eine Schreibmaschine und eröffnen damit eine weitere haptische und visuelle Dimension.

Die schönste Metapher für die Sichtbarkeit des Unsichtbaren aber führt Javier Téllez vor, der sechs Blinde beim Befühlen eines Elefanten mit der Kamera beobachtete. Sie erkennen mehr als mancher Sehende. Die Kunsthalle ist auch so ein Dickhäuter, um den sich alle tastend bewegen. Und jeder fühlt etwas anderes.

Kunst-Werke, Auguststr. 69, bis 24. Januar, Di–So 11–18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar