Kultur : Ich zweifle, also bin ich

Lebenssuche: Valeria Bruni-Tedeschis Debüt „Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr ...“

Hans-Jörg Rother

„Es handelt vom Leben, wie es ist.“ Mit diesen Worten übergibt Federica ihren Stückversuch dem Pariser Theaterdirektor. Die Antwort ein paar Wochen später fällt betont kühl aus: zu viele Szenen in Cafés, deprimierende Wirkung.

Der erste Film, den die Schauspielerin Valeria Bruni Tedeschi in eigener Regie gedreht hat, spielt selten in Cafés und drückt auch ausdrücklich nicht auf die Stimmung. Doch geredet wird unablässig, wie im Caféhaus, und am Schluss mag sich mancher Zuschauer fragen, was die Autorin ihm eigentlich mitteilen wollte. Das fragt sich in „Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr ...“ auch der junge Priester, den Federica mehrmals in höchster Eile aufsucht und der über ihre Beichte nur erstaunt den Kopf hebt. Mal fühlt sich die alleinstehende Pariserin wegen ihrer bevorstehenden reichen Erbschaft– rund 160 Millionen Euro – schuldig, mal nur wegen der Verabredung mit einem verheirateten Freund aus früheren Zeiten. Aber Sünden, ein existentielles Problem?

Kein Zweifel, die bekannte italienisch-französische Darstellerin („Oublie-moi“, „Encore“, „Rien à faire“, „Ceux qui m’aiment prendront le train“) will die Suche einer jungen Frau nach einem festen Punkt vergegenwärtigen. Ohne materielle Not aufgewachsen weiß Federica nicht recht, was sie tun soll außer den Vater am Sterbebett zu besuchen und ihrer heiteren Kindheit nachzuträumen. Diese Seelenlage geht aber kaum unter die Haut – jedenfalls wenn man bedenkt, wie locker das gemeinsam mit Noémie Lvovsky und Agnes de Sacy geschriebene Drehbuch das Thema umspielt. Trotzdem langweilt der Film fast nie, weil die Kunst der Darsteller der vagen Dramaturgie stets hilfreich zur Seite springt.

Valeria Bruni Tedeschi hat den Film, so sagt sie, vor allem für sich selbst geschrieben – vielleicht auch, weil ihr die Rollenangebote in den letzten Jahren nicht ausreichten. Die Millionärstochter nimmt man ihr nicht recht ab, wohl aber die immer Unentschiedene und Skeptische, die sich selbst wenig zutraut. Wie ihre Freundlichkeit erstarrt, wenn sie vor harten Worten zurückweicht, oder wie sich während einer Unterhaltung auf ihrem Gesicht die gegensätzlichen Empfindungen mischen und die Selbstironie die letzte Zufluchtsstätte abgibt, allein dies zu erleben lohnt den Kinobesuch.

Doch auch die anderen Schauspieler agieren vorzüglich: Chiara Mastroianni als Federicas meist gereizte Schwester, Jean-Hugues Anglade als klassenkämpferisch gesonnener Freund, Denis Podalydes in der Rolle des zögernden Liebhabers und nicht zuletzt Roberto Herlitzka als Vater, von dem man gern wüsste, womit er sein Millionenvermögen gemacht hat. Doch wie bei ihm ist es mit allen Charakteren dieses Films: Sie haben keine Geschichte, aber ein Gesicht.

Balazs, Broadway

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