ID Festival im Radialsystem : Joseph flieht nach Deutschland

Das ID Festival im Radialsystem will die Vielfalt der israelischen Kunstszene in Berlin präsentieren. Ging es 2015 um Fragen der Identität, steht dieses Jahr das Thema Migration im Mittelpunkt.

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Ohad Ben-Ari (l.) und Micki Weinberg.
Die Stadt im Blick. Ohad Ben-Ari (l.) und Micki Weinberg.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Hummus schmeckt köstlich. Zart wie zerlaufene Butter, darauf drapiert noch extra weichgekochte Kichererbsen, als Kontrast saure Gurken. Und frischgebackenes Brot. Orangen zieren die Fensterbretter. Wer gedacht hätte, dass der Berlin-Hype unter auswanderungswilligen jungen Israelis langsam mal nachlassen würde, sollte ins „Yafo“ in der Gormannstraße gehen. Das hat nämlich erst vor vier Monaten eröffnet – ein weiteres Steinchen in der langen Kette von Restaurants und Cafés mit israelisch-arabischer Küche, die sich lose entlang der U8 aufreihen. Sie ist die Herzschlagader, die die Partyzonen in Mitte und Kreuzkölln miteinander verbindet.

Das „Yafo“ ist ein guter Ort, um sich mit Ohad Ben-Ari zu treffen. Der Pianist hat 2015 das erste ID Festival im Radialsystem initiiert, als Plattform für die vielen israelischen Künstlerinnen und Künstler, die inzwischen in Berlin und anderen Städten in Deutschland leben. „Es werden immer mehr“, erzählt er, „und was neu ist: Es kommen zunehmend auch Touristen. Überall in der Stadt höre ich Hebräisch. Noch in den neunziger Jahren war es in Israel undenkbar, Berlin auch nur zu besuchen, geschweige denn hier zu wohnen.“ The Times, They Are A Changin’. Grund genug für eine zweite Ausgabe des Festivals, die am Freitag beginnt.

Ben-Ari ist gut vernetzt, fängt gleich an zu plaudern. Über Saleem Ashkar zum Beispiel, den palästinensisch-israelischen Pianisten, der zurzeit mit sämtlichen Klaviersonaten Beethovens an spannenden Orten in Berlin auftritt. Er kennt ihn seit Kindertagen. Und da, ist das nicht Guy Braunstein, Ex-Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, der zufällig reinkommt? Er und Ben-Ari werden zur Eröffnung des Festivals in einem Quintett spielen. ID – der Name ist kurz, knackig und ziemlich geglückt. Er vereint nicht nur die Anfangsbuchstaben der beiden Länder, um die es geht. „Id“ ist auch das arabische Wort für „Fest“, eine schöne Pointe. Denn ohne die arabische Kultur kann man ja über Israel nicht wirklich sprechen. Vor allem aber steht das Kürzel ID im englischen Sprachraum für „Identity Card“, Personalausweis. Identität war 2015 das große Thema des Festivals, dieses Jahr ist es – die Weltlage drängt es auf – Migration.

Experten in Sachen Heimatlosigkeit

Juden haben einiges zum Thema zu sagen, denn eine mehrtausendjährige Geschichte von Verfolgung, Diaspora, schließlich Holocaust hat sie zu Experten in Sachen Auswanderung und Heimatlosigkeit gemacht. Das beginnt schon im Tanach, den das Christentum als „Altes Testament“ bezeichnet. Abraham zieht nach Kanaan; der Auftrag, den er von Gott bekommen hat, lautet: „Lech Lecha“, was so viel bedeutet wie „Finde dich!“. Interessanterweise geht es also von Anfang an nicht nur um einen physischen Ort der Migration, sondern auch um einen spirituellen.

Ein Missverständnis wäre es aber zu glauben, das ID Festival wolle deutschen Helfern und Politikern quasi Ratschläge geben, wie sie besser mit der Flüchtlingskrise umgehen könnten. „Es geht darum, das Thema zu reflektieren“, erklärt Ohad Ben-Ari. Zum Beispiel in drei Diskussionsrunden am Freitag (19 Uhr), Samstag (16 Uhr) und Sonntag (13.30 Uhr), geleitet von Elad Lapidot, Dozent für Philosophie und Talmud in Berlin. Sie befassen sich mit der Frage, was passiert, wenn Sprachen, philosophisches Denken oder Religionen ihre Bindungen an ein festes Territorium aufgeben. Oder in „Lights & Vessels“ am Freitag (21.30 Uhr), eine Performance der Gruppe The Progressive Wave. Sie will zeigen, dass die Weisheiten der Kabbala, der jüdischen Mystik, auch für ein säkulares Publikum relevant sein können. Pikanterweise soll ausgerechnet ein Gebärdendolmetscher, der ja ebenfalls eine kodierte Sprache spricht, das Unzugängliche zugänglich machen.

Am Anfang war der Text, aber: „Jüdische Schriften sind nie dogmatisch, sie wollen immer zur Diskussion einladen“. Das sagt Regisseur Micki Weinberg, der 2015 mit dem Kurzfilm „I Hear the Synth in East Berlin“ auf dem Festival vertreten war und jetzt mit „Makembo!“ sein erstes längeres Stück inszeniert (Samstag, 20 Uhr). Er habe kein Interesse an kathartischem Theater, erklärt er. Sondern wolle der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, sie dazu zwingen, sich ihren innersten Dämonen zu stellen. Wer in seine bohrenden blauen Augen blickt, glaubt ihm das sofort. In seinem Film flieht eine junge Frau aus dem bürgerlichen Charlottenburg (gedreht wurde im inzwischen geschlossenen Hotel Bogota) ins Hipsterherzland nach Mitte. Um dort auf neue Konformität zu treffen. Ihr Freund traktiert sie auf Englisch mit den üblichen Mitte-Sprüchen („Be open minded“, „Push your comfort zone“), schließlich missbraucht er sie. Sie vergibt ihm. Aber er hat gleich eine Neue.

Was wollte Adorno in Kaifornien?

Weinberg lebt seit einigen Jahren in Berlin. Geboren wurde er in Los Angeles, und darüber kann man mit ihm nicht reden, ohne sofort mittendrin zu sein in dem Paradoxon, dass Horkheimer, Adorno, Brecht, Eisler, all die linken Geistes- und Musikergrößen, ausgerechnet im kalifornischen Stammland des Kapitalismus ihr Exil gesucht haben. Mühelos jongliert er mit Namen, Antonin Artaud, Gershom Scholem, Martin Esslin und seinem „Theater des Absurden“ – und George Lukács, dessen Aufsatzsammlung „Die Seele und die Formen“ er prompt aus der Tasche holt. Studiert hat Weinberg in Berkeley und an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Dann wollte er Theorie durch Aktion ersetzen – „wie es Marx mit Feuerbach gemacht hat.“ Fassbinder, Antonioni, Bergman sind die Filmemacher, die ihn faszinieren. Weil sie ihr Publikum zum Nachdenken zwingen.

In „Makembo!“ verschränkt Weinberg die biblische Josephserzählung mit einer fiktiven Fluchtgeschichte in Deutschland. Joseph ist afrikanischer Flüchtling, Pharao der Prinz von Rügen, Potiphar ein Aristokrat, der hofft, dass Deutschland sein Image in der Welt aufpolieren kann, wenn es möglichst viele Flüchtlinge aufnimmt – die zudem billige Arbeitskräfte sind. Noch im humanistischen Handeln reckt also der Nationalismus sein hässliches Haupt: böse, böse.

Als Satire will Weinberg sein Stück, das er übrigens schon vor 2015 geschrieben hat, aber nicht verstanden wissen. Eher als eine Form von „Re-Telling“, von Wiedererzählen, anders erzählen, auch dies eine uralte jüdische Kulturtechnik, praktiziert in der Midrasch, der Auslegung religiöser Texte. Satire habe immer ein Moment des Unernsten, ihm aber sei es sehr ernst: „Provoke into reflection“ ist Weinbergs Credo. Eine Formulierung, in der so viel Dynamik und Bewegung steckt, dass man erst gar nicht weiß, wie man das übersetzen soll. Womit man dem Geist des Festivals ja schon wieder sehr nahe ist.

ID Festival, 21.-23. Oktober, Radialsystem, Programm unter www.idfestival.de

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