Kultur : Ideen von gestern

Die Armory Show in New York verlässt sich auf ihren Ruf und die amerikanischen Sammler

Nicole Büsing u. Heiko Klaas

Schon im Vorfeld galt sie Marktbeobachtern als Seismograf für das weitere Kunstmarktgeschehen: die 10. Armory Show in New York. Unter den 160 angereisten Händlern, von denen mehr als die Hälfte aus Europa kam, wurde viel spekuliert: Würden sich die amerikanischen Sammler bei niedrigem Dollarkurs und latenter Finanzkrise zurückhalten? Erleichterung dann während der Messe. Trotz spürbarer Zögerlichkeit gerade der Amerikaner zeigten sich die meisten Galeristen zufrieden – oder entspannt wie Georg Kargl. „Es ist viel Psychologie“, meint der Wiener, „doch wer gute Ware hat, der kann sie auch verkaufen.“ Dank kontinuierlicher Arbeit erziele man immer wieder Überraschungsverkäufe, auch an neue Sammler. Nur wenn es um das eigene Vermögen der potenziellen Kunden geht, sei schnell Panik im Spiel: „Manche haben 200 Millionen auf dem Konto und meinen trotzdem, sie könnten morgen arm sein.“

Ende 2007 wurde ein ungewöhnlicher Coup bekannt. Die Investmentgesellschaft Merchandise Mart Properties Inc. (MMPI) kaufte die etablierte Armory Show und engagierte sich damit verstärkt auf dem Kunstmarkt. Gleichzeitig erwarb MMPI die Basler Voltashow, die nun erstmals auch in New York stattfand. Mit der Art Chicago, der Next Art Fair in Chicago und der Toronto International Art Fair sind weitere drei Kunstmessen im Portfolio des Wirtschaftskonzerns. Und über neue Akquisen, auch in Europa, wird gemunkelt. Bleibt abzuwarten, ob sich die smarten Investoren im Falle enttäuschender Gewinne nicht schnell wieder aus dem Markt zurückziehen.

Unbeeindruckt von den Machtspielen im Hintergrund präsentierte sich die Armory Show auf ansprechendem Niveau. Auffallend waren Stände mit Einzelpräsentationen: So zeigte die New Yorker Galerie Elisabeth Dee eine Soloschau der Konzeptkünstlerin Adrian Piper. Einen separaten Raum hatten Hauser & Wirth (Zürich und London) für den schrägen Briten Martin Creed eingerichtet. Konzeptuelles auf Papier, Soundarbeiten und Neonschriften ergänzten sich stimmig. Wer den Creed-Raum verlassen wollte, stieß auf ein Schild an der Tür: „Please do not touch“. Die Tür bewegte sich nämlich wie von Geisterhand (alle Arbeiten zwischen 15 000 und 150 000 Dollar).

Die Galerie Eigen + Art (Berlin und Leipzig) war mit einer überraschenden Einzelpräsentation von Maix Mayer angereist. Der Leipziger setzt sich in Filmen und Fotografien mit utopischer Architektur der sechziger und siebziger Jahre auseinander – etwa den ufoartigen Bauten des 2007 verstorbenen Architekten Ulrich Müther an der Ostseeküste. Galerist Gerd Harry Lybke sieht sich in seiner Idee bestätigt, einen komplexen Künstler wie Maix Mayer in den USA bekannt zu machen. „Da funktioniert so eine Messe wie PR“, meint er. Auch die Umsätze stimmten: Zahlreiche Fotografien und drei Videoarbeiten wurden verkauft.

Anspruchsvolles gab es auch am Stand von Johann König. Unter anderem zeigte der Berliner eine mit Büchern gefüllte Regalskulptur von Michaela Meise, die an den Handapparat einer wissenschaftlichen Bibliothek erinnerte. Eine kluge Auseinandersetzung mit Wissensvernetzung und Gedächtnisströmen (11 000 Euro).

Mit rund 52 000 Besuchern und einem geschätzten Umsatz von 85 Millionen Dollar ging die Armory Show vergangenen Samstag zu Ende. Das entspricht den Zahlen des Vorjahrs. Insgesamt 15 Kunstmessen zählte die „New York Times“ im Sog der Armory. Statt wertneutral von Satelliten- oder Nebenmessen zu sprechen, verwenden die Amerikaner gern einen anderen Begriff: „Cannibal Art Fairs“. Trotz allgemeiner Messemüdigkeit dreht sich das Karussell also weiter. Der amerikanische Markt bleibt auch für europäische Galerien interessant. Und die Sammler dort zeichnen sich ebenso durch Kenntnis wie spontane Kauflust aus. Nicole Büsing u. Heiko Klaas

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