Kultur : Identifikation einer Frau

Karriere, Skandale und die Kunst des Kompromisses: Hillary Clinton sucht in ihrer Autobiografie ein besseres Amerika

Robert von Rimscha

Verdammt lang her. Die USA in den Neunzigerjahren: Das war Frieden und Wohlstand. Vor lauter Langeweile hatte die Politik Zeit für Skandälchen wie „Whitewater“, „FileGate“ und natürlich viel, viel Zeit für Monica Lewinsky. Dass der 11. September 2001 eine Wasserscheide der Zeitgeschichte war, merkt man erneut, wenn man sich Hillary Clintons Lebenserinnerungen vornimmt.

Schon der deutsche Titel „Gelebte Geschichte“ klingt wesentlich vergangener als das amerikanische Original. Denn „Living History“ ist ein Wortspiel, das zwischen „Lebendige Geschichte“ und „Geschichte erleben“ pendelt. Interessant wird Hillary Rodham Clintons Buch, wenn man es weniger als die Skandalchronik vor allem der zweiten Amtszeit ihres Mannes liest, sondern als Autobiografie einer amerikanischen Frau.

Denn Hillarys 670-Seiten-Werk, am Montag mit viel Medienrummel erschienen, ist die Chronik einer Suche. Wie jeder Autobiograf hat auch die Ex-First-Lady redlich nach jenem frühen Moment gesucht, der ein Schlüsselerlebnis sein könnte, von dem aus der Rest sich erklären lässt.

Im Fall der Hillary Rodham, 1947 geboren, kam der Moment Anfang der 60er Jahre. Präsident Kennedy hatte den Mond zur neuen Grenze Amerikas erklärt, die es zu erobern galt, und der Teenager aus Chicago wollte mit dabei sein. Hillary bewarb sich um ein Schnupper-Praktikum bei der Nasa. Frauen hätten dort nichts verloren, schrieb man ihr. Für die junge Hillary war dies eine Herausforderung. Ihre eigene Mutter hatte eine unglückliche Kindheit erlebt, war als Scheidungskind durchs ganze Land verschickt und systematisch daran gehindert worden, ihr Potenzial zu verwirklichen.

Dass ihr selbst so etwas nie geschehen dürfe: Dies war der zentrale Antrieb Hillarys. Und er beschreibt zugleich ihr Dilemma. Denn schon die junge Hillary wusste, dass sie als kurzsichtiges und unsportliches Mädchen keine idealen Voraussetzungen für eine Karriere als Astronautin mitbrachte. So stellte sich früh die Frage, was sie sich als Richtschnur nehmen sollte. Den Kampf um Gleichberechtigung, auch wenn dieser zur Prinzipienreiterei geraten konnte – oder die Suche nach kleinen, praktischen Lösungen? Engagement für das Machbare? Das Eingehen auf Kompromisse? Sollte sie radikale Revolutionärin werden – oder Pragmatikerin?

Das Schwanken zwischen diesen beiden Polen bestimmt ihr Leben. Nur so wird ein seltsam anmutender Satz erklärlich, den sie später in ihrer Autobiografie schreibt: „Rückblickend waren die schwierigsten Entscheidungen in meinem Leben jene, die Ehe mit Bill aufrechtzuerhalten, und für den Senat zu kandidieren.“ Wie bitte? Vom eigenen Ehemann betrogen und belogen zu werden, „in die Isolation und in die Einsamkeit getrieben“ zu werden, wie sie selbst es nennt – die angemessene Antwort darauf soll ihr nicht schwerer gefallen sein als die Entscheidung, sich Ende 2000 für den freigewordenen Senatoren-Posten in New York zu bewerben?

Beide Male ging es um Kompromisse. Hillary Rodham hatte Bill Clinton im Herbst 1970 an der Yale Law School getroffen; Anfang 1971 lernten sie sich näher kennen. „Eher an einen Wikinger als an einen Rhodes-Stipendiaten“ erinnerte sie der Oxford-Heimkehrer, der allerdings lieber über die Melonen-Produktion seiner Heimat Arkansas dozierte. Dann ging es Schlag auf Schlag. Heirat, Assistenz-Professur in Arkansas für ihn, sie zieht mit, wird selbst eine der hundert besten Anwältinnen der Nation, Bill wird Landes-Minister, dann Gouverneur, dann abgewählt, dann doch wieder ins Amt gehoben. Chelsea hat aus dem Paar inzwischen stolze Eltern gemacht, und plötzlich sind die Achtzigerjahre vorbei.

Gegen den als unschlagbar geltenden George Bush gelingt 1992 der Coup: Die Clintons, die Landeier, ziehen ins Weiße Haus ein. Hillary hat dies stets als gemeinsames Projekt begriffen. Ihre Strategie der Emanzipation war nicht eine ohne Ehe oder gegen die Ehe, sie suchte pragmatisch den Weg der Emanzipation in der Ehe. Und hatte dafür den denkbar schwierigsten aller möglichen Partner. Doch eben diese fast 30-jährige Erfolgsgeschichte war es, die sie Ende der 90er Jahre veranlasste, Bill Clinton nicht zu verlassen. Einmal mehr entschied sie sich, Kompromisse einzugehen.

Die Entscheidung, für den Senat zu kandidieren, war die Fortsetzung ihrer Strategie, sich in der (statt: gegen die) Ehe zu emanzipieren. Schwierig war die Entscheidung, weil sie ihr erneut einen bitteren Kompromiss abverlangte. Wieder musste Hillary die politische Mitte suchen, sich verstellen, Wähler umgarnen, ihre radikaleren Impulse unterdrücken. Die Fortsetzung der Ehe mit Bill Clinton und der Eintritt in die Politik der Wahlämter: Zwei Mal musste sie sich ein Stück weit selbst verleugnen.

In der Politik hat sie einmal Kompromisslosigkeit getestet, als sie sich in der ersten Amtszeit ihres Mannes an das Großprojekt Gesundheitsreform wagte. Sie scheiterte kläglich und benennt die Gründe dafür nicht sehr ehrlich. 30 Jahre zuvor, als Teenie, war sie schon einmal radikal. Da war sie, ehe der Geist von 1968 auch sie umkrempelte, wie der Vater streng konservativ, ein „Goldwater Girl“. Damit begann die politische Suche. Und es begann das Leid mit den Haaren. Ein Friseur verwandelte sie in „eine Artischocke“ - „mein Leben war ruiniert“. Hinter der Suche nach der richtigen Frisur stand stets jene nach einem Gesicht, einer Identität.

Mittlerweile ist Hillary Clinton eine Bestseller-Autorin, die 8 Millionen Dollar Honorar für eine Startauflage von einer Million Exemplaren erhält und alle Verkaufs-Rekorde bricht. Vorgelegt hat sie den Lebensbericht einer hochintelligenten Frau, die sich nie etwas vorschreiben lassen wollte und daher jeden Kompromiss als eigene Entscheidung verkaufen muss. Sich selbst – und der Welt. Nicht nur die vielen Frisuren bilden ab, wie zerrissen die Protagonistin dabei häufig war. Die US-Presse stürzt sich nun auf die Skandal-Details und forscht nach Ungereimtheiten. Die „New York Times“ rügt, hier reihe die Autorin wie in einer Bewerbung Einsicht an Einsicht; Hillary Clinton sei ein Opfer der „Moralisierung von Erfahrung“.

Auch Hillarys Vorgängerin als First Lady, Barbara Bush, hat eine voluminöse Autobiografie geschrieben. Barbara Bush wurde 1925 geboren. Was 22 Jahre Altersunterschied ausmachen, wie die Brüche von 1968 die eine Frau prägten, die andere kalt ließen – das ist faszinierend. Wer beide Frauen-Leben parallel betrachtet, lernt viel über die Sozialgeschichte und die Politik Amerikas seit 1945.

Was bleibt? Hillary Clinton präsentiert sich auf ihrem Buch-Cover mit einem anderen Gesicht. Aus dem hässlichen Entlein ist eine attraktive Frau geworden, eine, die auf dem aktuellen „Spiegel“-Titel mindestens so entrückt wie lasziv wirkt. Flieht sie? Schreibt sie, um die Vergangenheit ein für allemal ad acta zu legen, um den Weg freizuräumen für eine Präsidentschaftskandidatur? Will sie eine Ikone sein, eine Ikone dafür, was möglich ist?

Für Amerikas Linke und für viele in Europa ist Hillary Clinton eine Kultfigur. Ihr Lebensbericht zeigt, wie sehr die Realität Träumer auf die Erde holt. Sie selbst sieht sich als Frau, die trotz aller Kompromisse die Erinnerung daran bewahrt, dass es etwas anderes geben könnte. Ein besseres Amerika. Ihren Anspruch formuliert sie alles andere als bescheiden: „Während Bill über sozialen Wandel sprach, verkörperte ich ihn.“ Hier kommen Richtschnur und Lebenslüge zusammen.

Hillary Rodham Clinton: Gelebte Geschichte, Econ-Verlag, München, 670 S., 24 €

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