Kultur : Identität ist machbar

Catherine Hardwicke über ihr Debüt „Dreizehn“

Daniela Sannwald

Ihre Festival-Trophäen stellt Catherine Hardwicke ins Küchenregal, dort hat sie genug Platz. Und den braucht sie auch, schließlich hat sie mit „Dreizehn“ unlängst in Locarno, Nantucket, Sundance und Deauville Preise eingeheimst. „Dreizehn“ ist ein Doppel-Debüt – die gelernte Architektin und Produktionsdesignerin Hardwicke hat das Drehbuch mit der jungen Hauptdarstellerin Nikki Reed geschrieben. Und es ist der sichere Innenblick aus der kalifornischen Girlie-Welt, der diesen Film so frisch, authentisch – und preiswürdig macht.

Ein Teenager-Film aber ist „Dreizehn“ keineswegs. „Natürlich werden einige Jugendliche sich darin wiedererkennen, aber vor allem die Eltern. Die jedenfalls, die sich noch gut daran erinnern können, wie es war, 13 zu sein.“ Catherine Hardwicke selbst ist in einer texanischen Kleinstadt an der mexikanischen Grenze aufgewachsen. „Klar, das war nicht Los Angeles“, sagt sie, „aber auch bei uns gab es spätestens in der 7. Klasse die beliebten Mädchen, die gefährlich und sexy waren. Ich habe das nie geschafft“, stellt Hardwicke mit amüsiertem Bedauern fest.

Der Zwang zum Coolsein, denkt sie, ist heute größer als vor 30 Jahren. „Heutzutage kriegst du gesagt, dass du aussehen musst wie Britney Spears, und du kannst dir inzwischen nicht nur die richtigen Klamotten kaufen, sondern auch die richtigen Brüste, die richtige Nase. Ich habe mit zwölfjährigen Mädchen gesprochen, die sich eine Brustvergrößerung zu Weihnachten wünschen.“

Sollte „Dreizehn“ als Kritik am postkapitalistischen Konsumterror gemeint sein? Hardwicke bestätigt das ausdrücklich. „Teenager hören vielleicht auf ihre Mütter und Lehrerinnen, aber die Werbung ist viel stärker. Die trommelt einem ihre Botschaften so clever und kreativ ins Hirn, dass man kaum eine Chance hat, sich diesen Reizen zu widersetzen.“

Ein bisschen wirkt „Dreizehn“ allerdings mitunter selbst wie ein Lifestyle-Film, der das wilde, rauschhafte Teenie-Leben feiert – mit Videoclip-Ästhetik, ständig bewegter Kamera und schrillen Farben. Andererseits zeigt Hardwicke, wie ihre Heldin Tracy sich im Badezimmer immer wieder mit einer Rasierklinge in die Arme schneidet. Der Schmerz scheint für sie eine Art Ventilfunktion zu haben. „Die Mädchen in meinem Film kämpfen buchstäblich ums Überleben.“ Für ein Zeichen der Heuchelei der Gesellschaft hält sie es auch, dass in den USA derzeit allenthalben Moralapostel die sexuelle Freizügigkeit junger Frauen anprangern, während gleichzeitig von jedem Plakat und jeder Zeitschrift kaum bekleidete Models herunterlächeln.

Und die Mütter – schließlich hört der Zwang zur Attraktivität nicht mit 20 auf? „Ich kenne eine Sechzehnjährige, die sich einer Schönheitsoperation unterzogen hat, zusammen mit ihrer Mutter“, sagt Hardwicke. „Für beide gab’s einen Two-for-One-Spezialpreis.“ Und: „Heutzutage ist man mit 40 erst 30 und mit 12 schon 18; Mütter kiffen und hören dieselbe Musik wie ihre Kinder. Mütter und Töchter sind wie Freundinnen. Aber man muss auch Regeln aufstellen. Das ist wichtig für die Kinder.“

Und womit, liebe Frau Hardwicke, könnte man die eigenen Kinder am besten stärken – gerade mit illusionslosem Blick auf die Teenage-Kultur? „Mit einer Beschäftigung, die sie glücklich macht, ihnen Identität gibt. Denn darum geht es schließlich das ganze Leben lang.“

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