„Idomeneo“ an der Komischen Oper : Mozart in Seenot

Benedikt von Peter versenkt „Idomeneo“ an der Komischen Oper. Wer sich nach Entschleunigung sehnt, kann hier getrost üben, jeden noch so simplen Affekt kostet Mozart bis zur dramatischen Neige aus.

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Der Krieg kommt nach Hause. Idomeneo (Rainer Trost) reicht Traumata generationsübergreifend weiter.
Der Krieg kommt nach Hause. Idomeneo (Rainer Trost) reicht Traumata generationsübergreifend weiter.Foto: Bresadola/drama-berlin.de

Erinnert sich noch jemand an den „Idomeneo“-Skandal an der Deutschen Oper, 2006? An das abgeschlagene Haupt des Propheten Mohammed in Hans Neuenfels’ Inszenierung (neben den Häuptern von Christus, Buddha und Poseidon), an islamistische Terrordrohungen und hitzige Debatten über das politisch-religiös Korrekte und die Freiheit der Kunst? In einer groben Fehleinschätzung hatte die auf sich allein gestellte Kirsten Harms damals ihr Intendantinnen-Schicksal besiegelt, indem sie die Wiederaufnahme der Produktion aussetzte, aus Angst vor „gewalttätigen Aktionen“.

Die Wogen schlugen hoch, Wochen später wurde nachgeholt, was von Anfang an selbstverständlich gewesen wäre. Und es passierte – nichts. Ein Stürmchen im medialen Wassergläschen. Allerdings ist Mozarts frühes dramma per musica „Idomeneo, Rè di Creta“ von 1781 seither auch Opernfremdlingen ein Begriff, dient als raunender Beleg für die politische Brisanz und aufrührerische Heftigkeit eines ach so verschnarchten Genres. Geschehe uns nichts Schlimmeres.

Die Rezeptionsgeschichte eines Werks speist sich nicht zuletzt aus solchen Hotspots – zumal es nicht verboten ist, sich darüber hinaus mit Neuenfels und/oder Mozart zu beschäftigen. Genauso legitim ist es, sich, wie Benedikt von Peter nun in seiner dritten Arbeit für die Komische Oper, einen feuchten Kehricht um alles Dagewesene zu scheren. Manche seiner Bilder wecken wohl Lampedusa-Assoziationen, auch wirkt Titelheld Rainer Trost in Maske und Gestik wie einer TV-Dokumentation zur frisch aufgeflammten Alzheimer-Debatte entsprungen: Da hätten wir sozusagen die Tagesaktualität (die nicht nur Mozart nicht braucht). Mehr Leben, mehr Personenführung aber ist nicht auszumachen. Der junge Mozart als Trantüte, auch musikalisch übrigens, wer hätte das gedacht.

Das fängt damit an, dass die hübsch übersichtliche Geschichte bis zur Unkenntlichkeit verdreht und vermurkst wird. An sich ist es so, dass der Kreterkönig Idomeneo dem Meeresgott Poseidon ein Opfer verspricht, den ersten Menschen, der ihm nach seiner Errettung aus peitschendem Sturm begegnet, und da dies sein Sohn Idamante ist, tut sich ein archaischer Konflikt auf zwischen Diesseits und Jenseits, Glaube und Gewissen. Am Ende lassen die Götter Gnade walten, „Amor scenda“, singt der Chor, die Liebe siegt, und mit ihr der Mensch, nicht die Religion, nicht die Ideologie.

Bei von Peter spielt das Ganze, wie man dem Programmheft entnehmen kann, ominöse 20 Jahre später, Idamante und Ilia haben inzwischen selbst ein Kind, und der alte König Idomeneo irrt brabbelnd durchs Labyrinth seiner Traumata. Drahtzieherin dieses Psychodramas ist Elektra, die Rächerin, die im Liebesringen um Idamante einst böse auf der Strecke blieb und nun barfüßig und im schwarzen Glitzerkleid um jede Ecke lugt. All die Vor-, Rück- und Seitengriffe der Regie verstehe, wer will; gekoppelt mit einigen wenig sinnfälligen musikalischen Eingriffen gerät der Abend nicht nur für Nichtfreaks schnell zur Farce.

Und dann: die Länge! Und: die Bühne (Annette Kurz)! Dreieinhalb Stunden starrt man auf die Planken eines Klabautermann-Schiffs, in der Mitte klafft ein Leck, Winde heulen, Wasser plätschern, jeder macht sich mal nass, ansonsten werden Stühle geschleppt und gerückt, reiht sich Nummer an Nummer. Wer sich nach Entschleunigung sehnt, kann hier getrost üben, jeden noch so simplen Affekt kostet Mozart bis zur dramatischen Neige aus, und Patrick Lange am Pult des Orchesters der Komischen Oper folgt ihm darin mehr als minutiös und willig.

Klanglich gelingt das ganz schön, das Haus an der Behrenstraße hat inzwischen einen Mozart-Sound, der sich hören lassen kann: nicht zu trocken und immer mit Kern, flexibel, aber nicht flüchtig. Wer oder was Lange freilich zu derart ersterbenden, stehenden Tempi animiert hat, bleibt rätselhaft. Die Sänger kommen mit dieser Hypothek unterschiedlich zurecht: Rainer Trosts Idomeneo entpuppt sich rasch als Dauerjammerlappen, und Brigitte Gellers Ilia reagiert stimmlich mitunter schrill. Erika Roos als Elektra hingegen trotzt ihrer Partie bei allem Furien-Furor erstaunlich menschliche Züge ab, und Karolina Gumos – die in ihrem zweiten Idamante-Leben mit Brille und rotem Pullunder wie Kurt Krömer durchs Geschehen stapfen muss – weckt mit flirrend timbriertem, weitherzigem Mezzo größere Erwartungen.

Die Krone aber gebührt dem Chor (Einstudierung André Kellinghaus), der, so die Regie ihn nicht stört, in innig bewegten Tableaus viel spüren lässt vom Kampf der Menschen mit den Mächten. Und Mozarts mit der Musik. Und der Oper mit unserer Zeit.

Wieder am 20./29.5. sowie 2./12./25.6.

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