Kultur : Idyll am Waldesrand

NIKOLAUS BERNAU

Im August 1914 zerstörte die russische Armee in einem Überraschungscoup weite Teile Ostpreußens.Eine Million Flüchtlinge und Geschädigte, 100 000 zerstörte Häuser wurden gezählt.Der Wiederaufbau der kleinen Städte, Dörfer und Höfe wurde zu einem Testfeld für die frühe deutsche Reformarchitektur.Denn nicht "wilhelminischer Prunk", sondern "sittliche", "durchgeistigte", "bürgerliche" Baukunst sollte entstehen.Das Ideal war Goethes Gartenhaus in Weimar.Neben Hans Poelzig, Peter Behrens und Hans Scharoun wurde auch der damals ungeheuer populäre Architekt, Designer, Unternehmer, und Publizist Paul SchultzeNaumburg als Garant für einen zeitgemäßen "Heimatstil" betrachtet.

Seine Kollegen werden heute in jedem Architekturlexikon breit gewürdigt.Der 1869 geborene, sich nach seiner Heimatstadt nennende Schultze-Naumburg jedoch ist, wenn überhaupt, nur in den Anmerkungen zu finden.Dort dient er höchstens als Beleg, wie reaktionär die deutschen Konservativen schon um 1910 gewesen und wie willig sie den Nazis gefolgt sind.Tatsächlich sind insbesondere die tagespolitischen Artikel, aber auch seine 1901 begonnene, vielfach aufgelegte Reihe "Kulturarbeiten" oft nur mit Schaudern zu lesen.Nur wenige Schriften hatten solch großen Einfluß darauf, was die Deutschen bis heute als Ideal des Wohnens betrachten: das freistehende Einfamilienhaus mit Satteldach, wohlgepflegtem Garten und sozial homogener, stabiler Nachbarschaft am Rande einer gut erhaltenen Altstadt mit Kirchturmspitze.

Hunderte von bundesdeutschen Gesetzen und Förderrichtlinien wurden seit Kanzler Adenauers Zeiten einzig eingesetzt, um diesem Ziel nahe zu kommen.Denn SchultzeNaumburgs Ideale behielten über seinen Tod am 19.Mai 1949 hinaus, wenige Tage vor der Verkündung der modernen deutschen Verfassung, Wirkung.Auch heute dürfte so mancher potentielle Berlin-Flüchtling angesichts der idyllischen Fotos, mit denen Schultze-Naumburg seine Aufsatzbände selbst illustrierte, beglückt sein.Nicht zufällig erlebte er im Zuge der Ökobewegung in den siebziger Jahren als einer der Väter der Landschafts-, Natur- und Denkmalschutzbewegung eine kurze, unreflektierte Renaissance.1989 aber erschien der letzte große Text über ihn, der sich beinahe wie ein historischer Abgesang auf die Planungsideale der alten Bundesrepublik las.Denn mit der Wende begann zwar auch im Osten der vereinten Republik die Stadtflucht, doch die ökologischen, wirtschaftlichen sowie sozialen Folgen der westdeutschen Vorortsteppiche standen den Planern mahnend vor Augen.Das Reihenhaus wurde ihr neues Ideal.

Für Schultze-Naumburg und seine Eleven war das Reihenhaus jedoch höchstens für minderbemittelte Arbeiter und Kleinbürger gedacht, besser zwar als die großstädtische, Unmoral produzierende Mietskaserne, doch weit schlechter als die "germanische Halle", das deutsche Einfamilienhaus.Doch das Reihenhaus prägt nun die Umgebungen Berlins, Leipzigs und Dresdens.Und vielleicht drückt sich in den Häuserreihen auch die gebaute Westorientierung der Republik aus, das Modell England, die Kultur des sozialen und nicht des "blutsmäßigen" Miteinanders.

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