Kultur : ifa-Galerie: Erdbeben und andere Katastrophen

Mit das Erste, was ein Mann morgens nach dem Aufstehen sieht, ist seine Küche. Ein ganz banaler und alltäglicher Anblick, wären da nicht die Straßenköter. Im Schrank seiner Spüle lauern sie, statt draußen herumzustreunen. Dieser Mann heißt Luchezar Boyadjiev; er lebt in Sofia und ist Künstler. Mit seiner Fotofolge "Drinnen / Draußen ... wieder Drinnen" führt Boyadjiev den Betrachter durch die Innenräume seiner eigenen Wohnung und die Schweizer Botschaft. Man befindet sich in Bulgarien und ist es doch wieder nicht. Hinter einem gediegenen Konferenztisch marschiert eine Trauergemeinde auf ihrem Weg zum Begräbnis eines Mafiabosses mitten ins Diplomatenwohnzimmer. Zwischen Anrichte und Coachgarnitur, Zierdeckchen und silbernem Teeservice bieten auf einem Straßenmarkt fliegende Händler Waren und Rentner ihre ärmlichen Habseligkeiten feil. "Der Schweizer Botschafter in Sofia führt ein offenes Haus" bemerkt Boyadjiev mit lakonischer Doppeldeutigkeit. Sinn für den absurden Aberwitz des Alltäglichen hat in der Kunst Osteuropas Tradition. Der Einbruch von kleinen bis schwersten Katastrophen in die vermeintliche Normalität wiederum gehört zu den täglichen Erfahrungen der Menschen im Balkan. Es war schwer zu sagen, was die tatsächliche Wahrheit war" kommentiert Boyadjiev seine Bildmontagen aus Pressefotos.

Auch bei dem mazedonischen Künstler Oliver Musovik gibt es nicht nur eine Realität. Eine trotzig grünende Topfpflanze auf bröckelndem Balkon, die an die Wand gelehnte Fußmatte der Frau, die das Treppenhaus putzt, Mülltüte oder Klingelschild erzählen Geschichten. Sie werden zu indizienhaften Porträts der Bewohner des Wohnblocks, in dem Musovik seit 25 Jahren lebt.

Alltagserfahrungen sind ein Aspekt der Ausstellung "Korrespondenzen", künstlerische Erdbebenforschung der andere. Dieser Teil basiert auf dem Projekt "Always Already Apocalypse" der mazedonischen Kuratorin Suzana Milevska. Die Gruppenschau wurde 1999 erstmals im Institut für Erdbeben und Seismologie von Skopje gezeigt, anschließend zur Istanbul-Biennale eingeladen. Zur Eröffnung holte die Realität die Kunst ein. Ein Nachbeben der schweren Erdbebenkatastrophe in der Türkei ließ die Erde erzittern.

Bei dem Berliner Franz John wähnt man sich unmittelbar mit dem Erdinneren verkabelt. Man glaubt das Mahlen der tektonischen Platten zu hören, die aneinander vorbeischrammen. Gesteuert werden die Klänge vom abstrakten Informationsstrom aktueller seismographischer Messdaten.

"Kunst beschäftigt sich meist mit Objekten. Sie vergisst darüber oft die Menschen", so Ana Stojkovik. Auch sie lebt in Skopje, einer immer wieder von Erdbeben betroffenen Stadt. Ihr "Institut für Wunden und Risse" zeigt objektive wie subjektive Parallelen zwischen beiden Bereichen auf. Dazu Kuratorin Milevska: "Erdbeben sind Naturkatastrophen. Man kann sie nicht aufhalten. Politische und soziale Katastrophen, Kriege und ihre Folgen hingegen sind von Menschen gemacht. Wir haben es selbst in der Hand, sie zu verhindern." ELFI KREIS

ifa-Galerie Berlin, Neustaedtische Kirchstraße 15, bis 4. Juni; Dienstag bis Sonntag 14-19 Uhr. Katalog 18 Mark. Weitere Stationen: ifa-Galerie Stuttgart 13. Juli bis 2. September, ifa-Galerie Bonn 14. November bis 16. Dezember.

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