Iffland-Korrespondenz : Totale Geschmacksfinsternis

Rund 7000 Schriftstücke in 34 Bänden umfasst das inzwischen gerettete Korrespondenzarchiv von August Wilhelm Iffland. Welche Schätze umfasst es?

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August Wilhelm Iffland, 1759 - 1814, war Direktor des Königlichen Nationaltheaters in Berlin.
August Wilhelm Iffland, 1759 - 1814, war Direktor des Königlichen Nationaltheaters in Berlin.Foto: Imago

Rund 7000 Schriftstücke in 34 Bänden umfasst das inzwischen gerettete Korrespondenzarchiv von August Wilhelm Iffland. Der 1759 im selben Jahr wie Friedrich Schiller geborene Großschauspieler und Gelegenheitsdramatiker war von 1796 bis zu seinem Tod 1814 Direktor des Königlichen Nationaltheaters in Berlin. Seine Notate und Arbeitspapiere über Aufführungen und die Briefwechsel mit Schiller, Goethe, Kotzebue, Schlegel und viele weitere Geister der Weimarer und Berliner Klassik sind ein kulturhistorischer Schatz. Er gehörte zum 1929 gegründeten, damals im Berliner Stadtschloss untergebrachten Museum der Preußischen Staatstheater und galt seit 1945 als in den Kriegswirren verschollen. Jahrzehntelang bei einem Privatsammler verborgen, dann an ein Wiener Antiquariat verkauft und nach einem publizistischen Aufschrei inzwischen fürs Berliner Landesarchiv gerettet, wartet man nun auf die konservatorische und theaterhistorische Sichtung.

Der Inhalt aller 34 Bände soll dann auch ins Internet gestellt und partiell ausgestellt werden. Aber es fehlen in dem geretteten Konvolut vor allem 29 Originalbriefe Schillers an Iffland, geschrieben zwischen dem 15. Oktober 1798 und dem 12. April 1805, drei Wochen vor des Dichters Tod. Gezeigt wurden Schillers Autografen einst in zwei Ausstellungen des Berliner Theatermuseums, belegt durch die Katalogheftchen von 1929 und 1934. Die Brieftexte sind auch enthalten in den großen Schiller-Ausgaben – nur die kostbaren Manuskripte fehlen. Ebenso wie die etlicher Briefe von Goethe an Iffland und beispielsweise ein Schreiben von Heinrich von Kleist vom 10. August 1810, in dem er die ihm bekanntgewordene Ablehnung des „Käthchens von Heilbronn“ durch Iffland so erwidert: „Es tut mir leid, die Wahrheit zu sagen, daß es ein Mädchen ist; wenn es ein Junge gewesen wäre, so würde es Ew. Wohlgeboren wahrscheinlich besser gefallen haben.“ Worauf Iffland dem Dichter („Hochwohlgeborener Herr!“) postwendend und peinlich berührt mitteilt, dass er Abschätziges nie gesagt habe, sich das Stück aber trotz „poetischen Verdiensts auf der Bühne unmöglich halten könne“.

Für das Verschollene in der Korrespondenz des Theaterdirektors mit seinen Autoren gibt es freilich noch einen Beleg. Curt Müller hat im Jahr 1910 bei Reclam in Leipzig auf 260 Seiten Dünndruck „Ifflands Briefwechsel mit Schiller, Goethe, Kleist, Tieck und anderen Dramatikern“ herausgegeben und sachkundig kommentiert. Wer dieser Curt Müller war, weiß man bis heute nicht, wie die Berliner Theaterhistorikerin Ruth Freydank in ihrer lesenswerten Studie „Der Fall Berliner Theatermuseum“ schreibt (2011 erschienen in Berlin als Book on demand).

Das von Müller herausgegebene kartonierte Bändchen ist nur mit Glück antiquarisch zu finden und steht in einigen öffentlichen Bibliotheken – es wäre der Wiederauflage wert.

Man kann dort mit schönen Belegen erfahren, wie relativ erfolglos etwa Goethe als Dramatiker (nicht als Schriftsteller im Übrigen) zu Lebzeiten war. Seine „Natürliche Tochter“ erlebte bei Iffland in Berlin gerade vier Aufführungen, und der Musiker und Komponist Carl Friedrich Zelter schrieb an Goethe 1803 über das Berliner Publikum: „Eine totale Geschmacksfinsternis..., die ihren höchsten Genuss in Mäkelei (...) zu finden meint.“ Geschmacksfinsternis, das klingt schon wie von Thomas Bernhard.

Schiller, der genuinere Dramatiker, wurde am Ende seines kurzen Lebens sehr viel häufiger gespielt. Der wahre Publikumsliebling aber war der von Goethe aus Weimar vertriebene Lustspieldichter August von Kotzebue („Die deutschen Kleinstädter“), für dessen Komödie „Wirrwar“ der Theaterdirektor Iffland im Vergleich zu Schillers „Jungfrau von Orleans“ 1801 vorab das anderthalbfache Honorar bezahlte. Hochinteressant zudem: Mit welchen Argumenten der an sich glühende Schiller-Verehrer Iffland um dessen „Wallenstein“ warb, doch den ersten Teil der Trilogie, „Wallensteins Lager“, 1799 für Berlin noch abgelehnt hat. Schiller bildet darin mit Suff und Intrigen das Soldatenleben in der Etappe ab. Für Iffland auf der Nationalbühne des Militärstaats Preußen aber war’s zu „gefährlich“, dass darüber „so treffende Dinge in so hinreißender Sprache gesagt werden“.

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