Kultur : IG Metal

In der Ruhe liegt die Gastfreundschaft: der Heimat-Dokumentarfilm „Full Metal Village“

Christiane Peitz

Wacken? Nie gehört. Ein paar Bauern, Wiederkäuer auf der Weide, Gemeindechor, Fleischerei, Landgasthof. Dabei ist das holsteinische Dorf weltberühmt, jedenfalls bei Heavy-Metal-Fans. Jedes Jahr im August fallen 40000 von ihnen in Wacken ein, zum Open-Air-Festival. 40000 Metal-Freaks auf 1800 Seelen!

Auf der Festwiese werden gigantische Stahlgerüste für die Bühne errichtet. Der Himmel verfinstert sich, schnell noch die Ortsschilder entfernen (die gehen sonst gerne als Souvenirs weg), sogar die Kühe preschen davon. Wenn Regisseurin Sung Hyung-Cho den Clash der Kulturen zur Naturkatastrophe dramatisiert, folgt die seit 17 Jahren in Deutschland lebende Koreanerin nicht der reinen Lehre des dokumentarischen Filmens. Vielmehr inszeniert sie Dorfalltag und Festivalorganisation mit stillvergnügtem Bilderwitz, spitzt komödiantisch zu und stellt sich dumm, wenn Milchbauer Plähn das Filmteam über den Unterschied zwischen Kuh, Kalb und Rind aufklärt.

Die Verweigerung des ästhetisch-moralischen Purismus hat einen tieferen Sinn. Und „Full Metal Village“ nicht nur das Zeug zum Hit – beim Saarbrücker Max-Ophüls-Filmfest gewann er den Hauptpreis, als erster Dokumentarfilm des Nachwuchsfestivals –, sondern auch zum deutschen Sittengemälde. Mit besonderem Augenmerk auf die Kunst und den Kraftakt der Toleranz.

Eheleute, die fast ein halbes Jahrhundert verheiratet sind, obwohl er das Mittagessen verschlingt, während sie sich gern Zeit nimmt. Bauer Trede, ein kettenrauchender Business-Typ, der mit Telekom-Aktien spekuliert, bevor er morgens in den Stall geht. Dagegen der Milchbauer, der eine derart unerschütterliche Seelenruhe ausstrahlt, dass man ahnt, es könnte sich um einen glücklichen Menschen handeln. Die kuchenbackende Ostpreußin Irma und ihre vom Modeln träumende Enkelin: Wie begegnen sie den Metallern aus der ganzen Welt, diesen Typen mit nietenbespickten schwarzen Lederklamotten und zu dröhnender Musik wild zuckenden Leibern?

Gastfreundlich. Zwar fürchtet Oma Irma, dass es sich um eine schwarze Messe handelt und verreist lieber zu ihrer Schwester. Aber die übrigen Dorfbewohner bauen Dixi-Klos auf, regeln den Verkehr, kramen ihr spärliches Englisch hervor, schmieren Brötchen und begrüßen die Metal-Fans – mit Blasmusik. Das kennen die schon und grölen dazu.

Multikulti, zeigt dieser Film, ist eine Begegnung der dritten Art. Und die Ehe, also die Liebe auch. So nah, so fremd: Wie eine feinsinnige Ethnologin beobachtet Sung-Hyung Cho die Holsteiner in den Tagen vor der Invasion, zeigt ihre sympathische Toleranz, aber auch die Frömmigkeit der Alten und die Deutschtümelei der Jugend.

Sung-Hyung Cho lebt selbst in einem Dorf im Taunus; auch aus biografischen Gründen interessiert sie sich für das Aufeinanderprallen von Kulturen. Eine erhellende Kollision: Da erzählt Irma von der Wagenburg, damals auf der Flucht aus Ostpreußen, das Zeltdorf auf den Wackener Wiesen ähnelt ihrer Erinnerung auf verblüffende Weise, und die Enkelin schwärmt vom Zweiten Weltkrieg. So verschafft der Film eine Ahnung vom Wesen – und Unwesen – der Deutschen. Dabei ist die Gelassenheit der Regisseurin ebenso nachahmenswert wie die Coolness der Dorfbewohner. Wäre schon schön, wenn der Rest der Nation mit allen Fremdlingen so unverkrampft umginge wie die Wackener mit der HeavyMetal-Horde, jedes Jahr im August.

Filmtheater Friedrichshain, Hackesche Höfe, Neues Kant, Yorck

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