Kultur : Igel schlucken

Freie Hörspielszene: die CD-Anthologie „pressplay“

Jan Oberländer

Neben den beiden wichtigsten Wettbewerben der freien Hörspielszene, dem „Leipziger Hörspielsommer“ und „Plopp!“ in Berlin, sollte es auch einen Preis für die elektrisierendste Sprecherinnenstimme geben. Wenn nämlich Britta Steffenhagen mit ihrer heiserweichen Mädchenstimme Sätze sagt wie „Sie dreht sich um, die Augen direkt auf mich, da hab ich schon gedacht, die Welt klappt weg“ – dann klappt die Welt tatsächlich weg. Nicht nur für den Ich-Erzähler in Mia Frimmers Verknalltheitsprotokoll „Sowas ist das“, sondern auch für den Zuhörer. Die Hörspiel-Anthologie „pressplay“ hat Claes Neuefeind gemeinsam mit dem mairisch Verlag zusammengestellt: 20 mp3s auf einer CD mit insgesamt 274 Minuten Spielzeit.

Im deutschsprachigen Raum gibt es ein paar Hundert freier Klangkünstler und Collageure, Tüftler und Mikrofonisten. Ihre größte Gemeinsamkeit ist, dass sie nicht im Auftrag der großen Sendeanstalten arbeiten. Bei den Öffentlich- Rechtlichen steckt das Geld und das Equipment. Neben den ARD-Sendern und der „Deutschen Welle“ produziert allein „Deutschlandradio Kultur“ 600 Hörspielstunden im Jahr. Weil die erst mal abgesendet sein wollen, ist es für freie Produktionen schwer.

An mangelnder Wahrnehmbarkeit soll es nicht mehr scheitern. Denn „pressplay“ will die freie Szene nicht nur einem größeren Publikum präsentieren, auch den Sendern will man die Wundertüte anbieten. Der Plan scheint aufzugehen: Herausgeber und Verleger absolvieren derzeit eine Tournee durch die Radiostudios, einzelne Autoren hatten bereits Anfragen von Sendern.

Das Spektrum reicht vom fünfminütigen Liebesknisterstück bis zur literarischen Dreiviertelstunde. Der Hörspiel- Veteran und „Plopp!“-Initiator Hermann Bohlen macht in einer so beunruhigenden wie witzigen O-Ton-Collage einen allgegenwärtigen inneren Standby-Zustand hörbar: schlürf, ääh, schnauf. Stella Luncke und Josef Maria Schäfer lassen Anwohner und Passanten anhand einer authentischen Friedrichshainer Graffitiflut („An Linda denken ist wie Igel schlucken“) eine unglückliche Trennungsgeschichte rekonstruieren. Und Stefan Hartungs Klanglandschaft aus Temperaturansagen und Windgeschwindigkeitsmeldungen ist ein Blinkzeichen aus den Untiefen der „See(le)“. Ein Pionierprojekt. Den Schlusstrack, eine fröhliche Variation des Satzes „Ich schreibe ein Hörspiel und ihr nicht“, kann man da durchaus programmatisch verstehen.

Claes Neufeind (Hg.): pressplay. Die Anthologie der freien Hörspielszene. Mairisch Verlag, Hamburg 2006. 1 mp3-CD, 274 Minuten, 14,90 €.

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