Kultur : "Ihnen wird übel? Das ist ein Kompliment!" - Ridley Scott über sein neuestes Werk

Vierzig Jahre nach "Spartacus" bemühen Sie si

Nach Tops wie "Alien" oder "Thelma und Louise" und Flops wie "Legende" widmet sich der britische Regisseur dem verstaubten Genre des Sandalenfilms

"Alien", "Blade Runner" und "Thelma und Louise" sind seine größten Erfolge, "Legende" und zuletzt "G.I.Jane" seine ebenso großen Flops: Mit dem Sklaven-Spektakel "Gladiator" nun reaktiviert der britische Regisseur Ridley Scott das Genre des Sandalenfilms. In Amerika spielte der Film, der heute in Deutschland ins Kino kommt, schon an seinem Startwochenende ein Drittel der 100 Millionen Dollar Produktionskosten ein.

Vierzig Jahre nach "Spartacus" bemühen Sie sich um eines der verstaubtesten Genres, den Sandalenfilm. Was treibt Sie?

"Spartacus" und "Ben Hur" gehören zu meinen Kinoerfahrungen als Jugendlicher. Nach so vielen Jahren hatte ich richtig Lust darauf, selbst einen solchen Film zu drehen. Außerdem geht es - mit dem Aufstieg und Fall des größten militärischen und politischen Imperiums der Menschheit - darin um eine der wichtigsten Perioden der Geschichte.

Der pompöse Einmarsch in Rom erinnert bisweilen an die Ästhetik einer Leni Riefenstahl. Zufall?

Die triumphalen Szenen sind bewusst an die ihre Bildsprache angelehnt. Die Sache lässt sich allerdings auch umgekehrt sehen: Schließlich hat die Nazi-Symbolik vieles aus dem römischen Imperium übernommen. Hinzu kommt, dass Machthaber, selbst die schlimmten Tyrannen, sich schon immer der Unterhaltungsmaschinerie bedienten, um ihre Untergebenen ruhig zu stellen.

Ist Hollywood mit Popcorn und Action der Brot-und-Spiele-Zirkus von heute?

Ach was. Kino ist eine harmlose Form der Unterhaltung. Man verbringt mit Freunden zwei Stunden in einem dunklen Raum und lässt sich auf eine Reise mitnehmen. Das funktioniert doch bei jedem Theaterstück, einem Buch oder Musik genauso. Das bedeutet auch nicht einmal eine Flucht aus dem Alltag. So miserabel ist das Leben der Menschen heute doch gar nicht.

100 Millionen Dollar für einen Film: Ist das nicht ein enormes Risiko?

Der durchschnittliche Etat für einen Hollywood-Film liegt derzeit bei 40 Millionen. Für ein Werk wie "Gladiator" sind 100 Millionen durchaus angemessen. Vielleicht sogar günstig - für das, was man zu sehen bekommt.

Klar, Ihr Colosseum zum Beispiel stammt aus dem Computer. Andererseits hätten Sie doch auch im echten Colosseum in Rom drehen können.

Wo denken Sie hin? Man müsste diese Touristenattraktion für Monate schließen - gar nicht auszudenken, wieviel die italienischen Behörden dafür verlangen würden. Außerdem hätten wir diese Ruine völlig renovieren müssen - um sie anschließend in den ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen.

Liegt also die Zukunft des Kinos vor allem in den digitalen Effekten?

Ein guter Film ist ein guter Film ist ein guter Film. Mit seiner Machart hat das überhaupt nichts zu tun. Nehmen Sie nur die diesjährigen Oscar-Nominierungen, das waren alles Filme ohne Spezialeffekte, dafür mit starken Storys und spannenden Figuren.

Ihnen dagegen wirft man mitunter übersteigertes Stilbewusstsein, ja Manierismus vor.

Diese Kritik ist mir heute egal. Ich denke eben sehr visuell. Mein Kollege Adrian Lyne hat mich nach dem Film angerufen und gesagt, er hätte sich übergeben. Na und? Das nehme ich als Kompliment.

Die jungen Hollywood-Regisseure, von David Fincher bis Spike Jonze, orientieren sich an Ihrer Bildsprache. Macht Sie das stolz?

Ich habe über 20 Jahre Werbefilme gedreht. Als ich damit anfing, hatten Leute wie Alan Parker oder ich keine Chance in Hollywood, auch Videoclips gab es noch nicht. Wir haben uns aber schon damals wie Sportler gefühlt und jeden Montagmorgen mit Neid die Werbefilme der Konkurrenz geguckt. Dieser Wettbewerb hat ungeheuer angespornt. Heute besitze ich eine Sammlung von über 3000 Werbeclips. In hundert Jahren werden diese Filme sehr viel über unser Leben aussagen.

Ihr wohl schlimmster Flop war die Fantasy-Story "Legende", vor 15 Jahren. Haben Sie danach sehr an sich gezweifelt?

Man hat den Film doch nur nicht kapiert. Ich wollte etwas machen, das sehr von Disney beeinflusst ist. Aber das Publikum hat das wohl nicht gewollt. Fuck them. Das Gespräch führte Dieter Oßwald. Die Kritik zu "Gladiator" ist in unserer Mittwochsausgabe erschienen.

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