Kultur : Ihr Inderlein kommet (Kommentar)

Caroline Fetscher

Was ist der Unterschied zwischen Wanderern und Einwanderern? Die Einen schultern irgendwann ihren Rucksack und ziehen weiter. Die Anderern packen die Koffer aus, bleiben - und bekommen einen Pass.

Mit dieser Verwandlung von Gästen in Landsleute haben nicht nur die Bayern Probleme. In Hessens Einkaufszonen sammelte das Bodenpersonal der CDU Unterschriften gegen das Verschleudern deutscher Pässe an Muslime, im Kabinett unkte Minister Schily, es sei des Asylerbarmens nun genug. Wer braucht Einwanderer, solange tausende Einheimischer arbeitslos zu Hause vor alten Farbfernsehern hängen, unterhalten allein von Soap und Sixpack und Sozialamt? Wir nicht. Es leuchtete flächendeckend ein.

Aber den Einwanderungswilligen, die uns bedrohen, fällt stets was Neues ein. So besannen sie sich auf die Vorzüge der Globalisierung - und auf unsere marode High-Tech-Politik. Jetzt ruft die Wirtschaft nach ihnen, den "qualifizierten Einwanderern". Seit Monaten ist zu hören, dass die deutsche Sixpack-Society den Programmierern der Dritten Welt hoffnungslos unterlegen ist. In Ägypten und Finnland, Indien und Bulgarien verstehen sie mehr von Computern als wir. Wir bauten auf große, grobe Technik, 100 000 feine Spitzenkräfte fehlen. Bitter.

Auch der Kanzler ist jetzt weich geworden. Ja, sagt er, na gut, wir brauchen die bulgarischen High-Tech-Cracks, wir wollen die indischen Programmierer. Eine Greencard nach amerikanischem Vorbild will er ausgeben, in Indien stehen sie angeblich schon Schlange danach. Sie ahnen wohl noch nicht, dass hier bereits daran gebosselt wird, wie wir sie wieder loswerden, wenn wir ihr Wissen geplündert haben. Maximal zehn Jahre sollen sie bleiben dürfen, bis die nächste Generation bei uns auf dem Stand der Technik ist. Denn längst sind die Zwölfjährigen bei uns fitter am Computer als ihre Lehrer und beklagen sich in den Tagesthemen, dass ihr Schulrechner zu wenig Megabytes hat. Einzige Alternative zur Einladung an die Ausländer wäre derzeit das Legalisieren von Kinderarbeit. Die pfiffigen Kleinen könnten unsere Firmen und Zeitungen, Museen und Behörden besser beraten als bräsig-konservative Erwachsene. Die aktuelle Frage bei uns lautet: Wolle mer se neilasse? Tja, mer müsse se neilasse, mer könne net anders.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben