• Ihr letzter Krach: Stefan Reinecke über den Golfkrieg und das Zerwürfnis der deutschen Linken

Kultur : Ihr letzter Krach: Stefan Reinecke über den Golfkrieg und das Zerwürfnis der deutschen Linken

Vor zehn Jahren fielen Bomben auf Bagdad. Der zweite Golfkrieg wurde damals von vielen als intellektuelle Überforderung empfunden. Das Ende des Kalten Krieges verstand man noch nicht richtig, die alten Freund-Feind-Muster waren gerade erst eingemottet. Handelte es sich bei dem Feldzug der Allierten um einen imperialen Krieg des Nordens gegen den Süden? Um einen legitimen Akt der Notwehr zur Wiederherstellung der Souveränität Kuwaits? Um das Vorspiel einer neuen pax americana - oder um eine Stärkung der Uno, die nach 1989 endlich die ihr angemessene Rolle spielen sollte?

In den USA wie in Deutschland wurde der Golfkrieg als Aktualisierung einer schmerzhaften Vergangenheit begriffen - allerdings sehr verschieden. George Bush verkündete triumphal, dass nun die Schmach des Vietnamkrieges getilgt worden sei. War das Völkerrecht nur eine argumentative Stütze, um nationalistische Affekte zu bedienen? In Deutschland kollabierte vor zehn Jahren die Linke. Ihre Debatte wurde zum Wendepunkt. Manche sahen in der Intervention einen schäbigen Krieg um Ressourcen, andere hielten es für selbstverständlich, Israel zu schützen. Aus "Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz" war keine klare Handlungsanweisung mehr zu gewinnen. Wer zuvor die Lehren der deutschen Vergangenheit beherzigt hatte, war gegen das Wettrüsten, für Entspannung etc. gewesen. Aber im Januar 1991, als Scuds in Israel einschlugen, explodierten die Widersprüche. Und einige Freundschaften unter deutschen Linken.

Wenn man heute die atemlos geschriebenen Pamphlete und Polemiken von damals liest, wirkt manches verstiegen, narzißtisch überlagert. Enzensberger und Co. erklärten Saddam Hussein zum neuen Hitler. Friedensfreunde phantasierten sich in die Rolle des Opfers, sahen schwarze Wolken über Frankfurt aufziehen als Ergebnis der kriegsbedingten Ökokatastrophe. Diese Debatte, mit Verve von Leuten geführt, die nichts zu entscheiden hatten, war der letzte Familienkrach der "Neuen Linken", die durch einen gemeinsamen kulturellen Fundus, eine diffuse Übereinstimmung, einen ähnlichen libertären Habitus bestimmt war. 1991 zerbrach dieser Konsens. Dafür hätte es andere Gelegenheiten gegeben: den Nahost-Krieg 1973, den Libanonkrieg. Aber es passierte nach der Wiedervereinigung. Mit der Mauer war der "Neuen Linken" das Orientierungssystem abhanden gekommen. Vielleicht suchte man deshalb Selbstvergewisserung in der deutschen Vergangenheit. Die Frage, ob die NS-Vergangenheit das richtige Koordinatensystem war, um zu verstehen, was am Golf geschah, stellte kaum jemand.

Im Spiel "Bellezisten" gegen "Pazifisten" gab es Fouls und keinen Sieger. Oder doch? Das erste Mal schlugen sich Teile der deutschen Linken auf die Seite der Macht, ein Vorschein des Kommenden: Die Ökopax-Linke der 80er akzeptierte in den 90ern, angesichts der Jugoslawien-Kriege, die internationale Normalisierung des vereinigten Deutschland. 1991 verabschiedeten sich Teile der Linken von der Machtferne - ein Prozess, der in Fischers Ja zum Kosovo-Krieg endete. Im Spiel "Bellizisten" gegen "Pazifisten" gab es übrigens keine Renegaten: Kein "Bellizist" revidierte später seine Haltung - trotz 100 000 toter irakischer Soldaten, trotz der Inszenierungen der US-Propaganda und des Fiakos, Schiiten und Kurden zum aussichtslosen Aufstand gegen Saddam verführt zu haben. Kein "Pazifist" räumte später die Stellung - trotz der hysterieartigen Katastrophenängste. Das zeigt, wie sehr dieser Kampf um politische Selbstbilder geführt wurde. Es gab auch Ausnahmen. Zum Beispiel Jürgen Habermas, der sich zu einer zweifelnden Bejahung der Intervention durchrang und eine konkrete politische Utopie entwarf: Die Uno müsse mit einer "wirkungsvollen Exekutivgewalt ausgestattet werden". Das Ziel der Intervention sei richtig - allerdings müsse es auch erkennbar sein in der Wahl der militärischen Mittel. Und davon konnte keine Rede sein.

Es war eine Art historischer Ironie, dass George Bush der Krieg nichts nutzte: 1992 wählten ihn die Bürger ab. Welch doppelte Ironie, dass zehn Jahre nach Beginn des Golfkrieges sein Sohn Präsident wird - und Colin Powell Außenminister. Von Bushs "neuer Weltordnung" spricht in Washington keiner mehr, eher vom US-Rückzug aus Bosnien. Was Habermas forderte, ist noch immer nicht eingelöst: die gestärkte Uno als Instrument demokratischer Konfliktlösung. Mit George W. Bush rückt diese Vision ferner.

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