Kultur : Ihr müsst sein wie ein rollender Stein

Mit der Ausstellung „The Imaginary Number“ feiern die neuen Chefs der Kunst-Werke ihren Einstand

Nicola Kuhn

Es ist gar nicht so einfach, die Drei an einen Tisch zu bekommen. Immer ist einer gerade verreist, hält einen Vortrag oder ist sonst wie verhindert. Ihre eigene Ausstellungseröffnung führt das Trio am Ende doch zusammen. „The Imaginary Number“ lautet der Titel der neuen Show in den Kunst-Werken. In gewisser Hinsicht könnte er auch für das neue Führungsgespann des Hauses gelten. Vor einem halben Jahr wurden Gabriele Horn als Leiterin, Anselm Franke als Kurator und Markus Müller als Pressesprecher berufen. Gemeinsam sollten sie nach dem Weggang des Kunst-Werke-Begründers Klaus Biesenbach ans New Yorker Museum of Modern Art die Geschäfte weiterführen. Kein einfacher Job, wenn der Steuermann von Bord gegangen ist, aber es den Ruf als Berlins wichtigster Adresse für zeitgenössische Kunst zu wahren gilt.

Nein, als Trio sehen sie sich nicht, wie sie da zusammen an einem Bistro-Tisch des Café Bravo im Hof der Kunst-Werke sitzen und so lange miteinander sprechen wie schon seit Tagen nicht mehr. Als Einheit verstehen sich die Drei schon gar nicht, dafür hat jeder sein ganz eigenes Aufgabengebiet. „Die imaginäre Zahl“, diese aus der Mathematik entliehene Größe, mit deren Hilfe plötzlich in ganz anderen Dimensionen gedacht werden konnte, ohne die der Computer niemals entwickelt worden wäre, könnte sich auch als strategische Größe für die neuen Kunst-Werke-Macher erweisen. Denn seit Biesenbachs Wechsel hat sich noch nicht gezeigt, in welche Richtung sich das Flaggschiff der Berliner Kunstszene künftig bewegen soll. So recht rücken die drei neuen Chefdenker auch im Gespräch damit nicht heraus.

„Wir setzen auf Kontinuität“, sagt Gabriele Horn (48), die zuletzt als Referentin beim Kultursenator arbeitete, aber als Geschäftsführerin der jüngsten Berlin-Biennale mit dem Haus bereits in enger Verbindung stand. „Für einen Vatermord besteht keine Notwendigkeit“, erklärt Anselm Franke (33), der seit 2000 diverse Ausstellungsprojekte in der ehemaligen Margarine-Fabrik betreute. Das versteht sich von selbst, denn Biesenbach bleibt den Kunst-Werken als künstlerischer Berater erhalten und wird im Herbst 2006 die von der Bundeskulturstiftung finanzierte Ausstellung „Into me, out of me“ betreuen. Außerdem gibt es weiterhin Kooperationen mit dem MoMA-Außenborder P.S.1, als nächstes die Übernahme einer Katharina Sieverding-Ausstellung. Einziger echter Neuzugang in der Runde ist Markus Müller (42), der Mann für die Öffentlichkeit, der die Pressearbeit der jüngsten Documenta betreute und zuletzt die Bewerbung Münsters um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt koordinierte. Ihn reizte Berlin als Ort, „wo sich etwas entwickelt“, an den Kunst-Werken, „das Denken von Zeitgenossenschaft“.

Der beste Beweis dafür, dass er an der richtigen Stelle ist, wird gerade in der Toreinfahrt des barocken Vorderhauses in Position gebracht. Für ahnungslose Passanten völlig überraschend, ragt ein aufgeblasener Balkon von der Häuserfront auf die Auguststraße hinaus. Das Berlin-Zürcher Architekturbüro INSTANT hat für diesen Sommer den Wettbewerb zur Gestaltung des Eingangsbereichs gewonnen und lässt als Novität auf dem Gebiet des pneumatischen Bauens diverse Luftwürste installieren, mit deren Hilfe der Besucher über der Straße zu „schweben“ vermag. Ein wenig unheimlich ist den Dreien schon, als sie für den Fototermin auf der transparenten Treppe zum Luft-Balkon posieren sollen. Aber dafür sind sie „On Air“, so der Titel der architektonischen Intervention, was eigentlich ihren eigenen Zielvorstellungen entspricht.

Die aktuelle Ausstellung fasst programmatisch zusammen, was sich die neuen Kunst-Werke-Macher für die Zukunft wünschen, auch wenn es sich von der bisherigen Linie kaum unterscheidet. Ähnlich wie es mit Hilfe der „imaginären Zahl“ möglich ist, Realität zu hinterfragen, untersuchen auch die neun beteiligten Künstler die Magie des Alltäglichen. Da führt die amerikanische Künstlerin Trisha Donnelly in einem Video absurde Armbewegungen aus, um Regen in Kanada zu beschwören, während es der Däne Simon Dybbroe Möller von der Decke tropfen lässt und diverse geknickte Neonröhren am Boden zu einem Arrangement formiert.

Derweil hat Klaus Weber, ein Rechercheur des Urbanen, unter dem Dach des Ausstellungshauses, im vierten Stock, einen Erlebnisort des Transitorischen geschaffen: „Ihr müsst sein wie ein fallendes Holz, wie ein rollender Stein“, singt er rauh von der gerade laufenden Schallplatte. Dazu zirpen zwei Dutzend Grillen in aufgehängten Käfigen, die Lampions gleichen. Der Besucher darf auf einer aus den USA importierten Parkbank Platz nehmen, deren perfide Sprossen verhindern sollen, dass Obdachlose darauf ihr Quartier aufschlagen. „Das ist seine erste Präsentation in einer Berliner Institution“, erklärt Kurator Franke stolz. Mit diesem Trumpf haben die Kunst-Werke immer schon gespielt und ihren internationalen Ruf begründet. Heutige Größen des Kunstbetriebs wie Paul Pfeiffer, Santiago Sierra oder Teresa Margolles haben von der Auguststraße aus ihre Museumskarrieren gestartet. Und noch etwas ist Franke bei seiner Sommerausstellung wichtig: dass sich nach der in vielerlei Hinsicht überwältigenden RAF-Schau (35000 Besucher) der Horizont nun wieder für die Kunst öffnet. Dabei waren politische Ausstellungen schon immer Bestandteil des Kunst-Werke-Programms. Franke selber organisierte die hoch brisante „Territories“-Ausstellung über die Situation der Palästinenser in Israel, Jan Philipp Reemtsmas „Wehrmacht“-Schau machte hier Station, und die ehemalige documenta-Macherin Catherine David wird im kommenden Jahr „The Iraqi Invasion“ präsentieren.

Ganz klar wird nicht, wohin sich die Kunst-Werke mit neuer Führungsmannschaft nun bewegen: mehr in Richtung politischer Ausstellungen oder hin zu künstlerischen Entdeckungen? Bis in den Herbst 2007 hinein absolvieren die drei Kunst-Werke-Macher das vorher festgelegte Programm; auf diese Feststellung legt das Trio wert. Eine eigene Vision wollen und können sie noch nicht entwickeln. Und der angelegte Maßstab macht ihnen ein wenig Angst. Denn sobald man zum Vergleich den Hamburger Bahnhof oder die Akademie der Künste heranzieht, die längst kein so attraktives Programm im Bereich der jüngsten Zeitgenossenschaft bieten, winken sie ab. „Dieser Anzug ist uns 15 Nummern zu groß“, antwortet darauf Markus Müller. „Wir sind eine Thekenmannschaft, und dort spielt Bayern München.“ Schon möglich, aber Thekenmannschaften bieten die meisten Überraschungen.

Kunst-Werke, Auguststr. 69 (Mitte), bis 11.September; Di–So 12–19 Uhr.

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