Kultur : "Ihr sollt nicht so weitermachen"

EVA KARCHER

Es sind nicht immer die Prachtgegenstände, die sich einprägen, manchmal sind es die unscheinbaren Dinge. Zum Beispiel ein Kinder-Gebetsmantel, ein gelbstichiges Stück Baumwollstoff, das mit vier dünnen Schnüren um den Körper gebunden wird. Jakob Ayalon trug es, zehn Jahre alt, bei der Beerdigung seiner Mutter, die auf Mauritius an Typhus gestorben war - kurz nach der gemeinsamen Flucht 1940 aus Fürth.Seine Geschichte macht das Objekt wertvoll. Zusammen mit anderen ist es in einem Raum zu sehen, der die Erinnerung an Schicksale jüdischer Bürger in Fürth bewahren will. Sechzehn weitere Säle im soeben eröffneten Jüdischen Museum Franken in Fürth gelten ebenfalls Themen jüdischen Lebens, die einen Bezug zur Stadt oder zur Region haben. Denn von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zur Zeit der Nationalsozialisten war Fürth mit seiner Synagoge, mit Bethäusern, Talmud-Schulen und bedeutenden hebräischen Druckereien eines der größten jüdischen Gemeinwesen in Süddeutschland.Das Museum ist in einem dreigeschossigen, 1702 entstandenen Fachwerkhaus untergebracht, das - bis Ende des 19. Jahrhunderts im Besitz jüdischer Familien - restauriert und durch ein Treppenhaus aus Sichtbeton erweitert wurde. Ein neun Meter unter der Erde gelegenes Ritualbad blieb ebenso erhalten wie die Laubhütte im obersten Geschoß, deren Dach jedes Jahr während des Laubhüttenfests zum Gedenken an Israels vierzigjährige Wanderschaft aufgeklappt wurde. Stuckdecken und Stahlfassaden ergänzen sich stimmig und machen den Rundgang über krumme Stiegen und neue Treppen auch dank des klugen Ausstellungskonzepts von Museumsleiter Bernhard Purin zu einer Entdeckungsreise.In jedem der 17 Räume hat der Wiener Architekt Martin Kohlbauer eine hohe transparente Glassäule installiert. Gleichzeitig Lichtquelle und Thementurm, birgt sie in der mittleren Vitrine jeweils ein Buch oder ein Handschriftenfragment, das auf die Tradition des Orts verweist. Vom Wiener Memorbuch der Fürther Synagoge (1633-1932), in dem neben Gebeten auch die Namen der Opfer von Pogromen aufgelistet wurden, bis zur Erstausgabe des Rechenschaftsberichts "Mein Weg als Deutscher und Jude" des gebürtigen Fürthers Jakob Wassermann (1873-1934) ist es hier nur ein Schritt."Es ist vergeblich", schrieb Wassermann, "das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner Dichter und Denker zu beschwören . . . Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie sagen: Er ist ein Jude." Kostbare Kultgeräte werden nun mit derselben Achtung präsentiert wie das Spielzeug jüdischer Kinder oder selbst witzige, trivialmythische Accessoires. Zeugnisse der Schoa sind in mehreren Räumen gegenwärtig, ebenso werden aber auch die Probleme jüdischer Immigranten, die 1991 aus den GUS-Staaten nach Fürth kamen, einbezogen. Zum Glück ist die Lichtstele vor dem Jüdischen Museum Franken so durchscheinend, daß sie nicht zum Mahnmal hochstilisiert werden kann.Monumente mag auch Gustav Metzger nicht, es sei denn, sie lösen sich nach spätestens zehn Jahren von selbst auf. Dem 1926 in Nürnberg geborenen Sohn einer orthodox-jüdischen Familie, der 1939 im Rahmen der Refugee-Children-Rettungsaktion nach England gebracht wurde und seitdem in London lebt, widmet die Kunsthalle Nürnberg eine erste Retrospektive in Deutschland. Hier wird Metzger als ein Vorreiter der neunziger Jahre wiederentdeckt, der bereits Anfang der sechziger Jahre Kunst als Dienstleistung begriff und den Prozeß einer Arbeit für wichtiger befand als das Produkt.Einem großen Publikum bekannt wurde der Künstler 1966, als er bei Konzerten von Cream, The Who und The Move von ihm entwickelte, in Regenbogenfarben schillernde Flüssigkristall-Lichtprojektionen zeigte. Bereits 1960 erfand er die "auto-destruktive" Kunst. Sie bestand aus Materialien, die sich allmählich selbst auflösten wie verrostender Stahl oder Nylonstoff, auf den mit einem Pinsel Säure aufgetragen wurde. "Das auto-destruktive Monument verhält sich wie der menschliche Körper", meinte der Künstler in einem Interview, "das Ziel ist, daß es als Form verschwindet."An seine Stelle will Metzger die Erinnerung setzen, so auch mit seinen neuesten Arbeiten, den "Historic Photographs". Großformatige Fotos der Judenverfolgung, aber auch des Vietnamkriegs, breitet er auf dem Boden aus oder montiert sie an die Wand und entzieht sie dann dem Blick durch Tücher und Bretter. Metzger: "Ich möchte zeigen: Ihr sollt so nicht weitermachen."X

Jüdisches Museum Franken in Fürth, Königstraße 89: So bis Fr, 10 - 17, Di bis 20 Uhr. - Ausstellung "Gustav Metzger. Ein Schnitt entlang der Zeit": Kunsthalle Nürnberg, bis 12. September; Di bis So, 10 - 17, Mi bis 20 Uhr.

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