Kultur : Ihr Weltmeister

32 Jahre später. Immer noch steht der Stolz in den Augen. Und einer erinnert sich, wie er kein Weltmeister wurde.

Günter Netzer

Weltmeister? Ich bin kein Weltmeister. Ich habe 21 Minuten gespielt, damals 1974, als im eigenen Land eine deutsche Mannschaft Weltmeister wurde. Es waren meine besten 21 Weltmeisterschaftsminuten. Es waren auch meine schlechtesten Weltmeisterschaftsminuten. Es waren meine einzigen. Nie vorher, nie nachher habe ich bei einer Weltmeisterschaft mitgemacht. Und wenn es nach mir gegangen wäre, ich wäre auch bei diesen 21 Minuten lieber draußen geblieben.

Es war der 22. Juni 1974. In unserem letzten Gruppenspiel hatten wir gegen die DDR anzutreten. Wir waren nicht berauschend ins Turnier gestartet, ich war schon zur Vorbereitung außer Form angereist. Kurz vorher war ich zu Real Madrid gewechselt, damit war ich in der Boulevardpresse und auch sonst ein Landesverräter. Kurz vorher war meine Mutter gestorben. Was eben diese Presse als Folge meines Wechsels interpretierte. Eine bösartige Interpretation war das, mit der ich schwer zu kämpfen hatte. Und noch ein Ereignis hatte meinen Seelenfrieden und meine körperliche Fitness beeinträchtigt. Im Pokalfinale vor der Weltmeisterschaft hatte ich mit meinem vormaligen Trainer bei Borussia Mönchengladbach, Hennes Weisweiler, einen gewaltigen Krach, an dessen Ende ich mich selber einwechselte. Krach mit Weisweiler hatte ich oft, aber verehrt habe ich ihn trotzdem. Außerdem kriselte es schon mit Hannelore, meiner damaligen Freundin. Doch, ich war wirklich außer Form.

Das änderte sich im Laufe des WM-Turniers. Zumindest auf dem Trainingsplatz kam ich immer besser zurecht. Aber Raum in den taktischen Überlegungen von Trainer Helmut Schön nahm ich dennoch nicht ein. Auch nicht vor dem Spiel gegen die DDR. Das war ein Politikum im Hamburger Volksparkstadion, zu dem Bundeskanzler Schmidt eigens aus der Bundeshauptstadt Bonn angereist war. Ich dagegen wäre besser zu Hause geblieben. Am besten zusammen mit meinem Kontrahenten und Kumpel Wolfgang Overath. Dessen Gegenspieler Reinhard Lauck machte mit ihm, was er wollte. Aber auch bei den anderen lief nichts zusammen. Ich saß auf der Bank, schaute dem hilflosen Treiben unserer Mannschaft zu und war selber hilflos. Ich weiß, dass ich mit Sicherheit nicht sauer war über meine Nichtberücksichtigung, und wenn, dann war der Ärger längst verraucht. Ob es mit mir anders gelaufen wäre, ist eine hypothetische Frage, aber nachträglich in dieses Spiel hinein, das wollte ich partout nicht. Dann, kurz nach Beginn der zweiten Hälfte, es stand immer noch 0:0, fingen die Leute auf der Tribüne an, nach mir zu rufen. Was sonst jeden Fußballspieler ehrt und erfreut, in diesem Moment war es fürchterlich. Helmut Schön kam auf mich zu, es konnte nicht wahr sein. „Mach dich warm“, sagte er. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass ich nun geopfert werden sollte. Mich verweigern ging nicht, damit hätte ich die anderen im Stich gelassen. Ich musste rein, aber ich empfand es als ungemeine Sauerei, dass ich verantwortlich gemacht werden sollte für dieses grausame Spiel. Ich lief im wahrsten Sinne des Wortes weg. In die äußerste Ecke des Stadions – mit der abstrusen Hoffnung, dass man mich dort nicht finden würde. Schön brüllte, dass ich näher kommen sollte, ich schrie zurück, dass ich Ruhe zur Vorbereitung bräuchte. Ein albernes Spielchen. Ich musste rein, in eine Mannschaft, in der nichts zusammenpasste – und das mir, von dem alle wussten, dass er eigentlich nur zur Bestform aufläuft, wenn alles harmoniert. Acht Minuten später düpierte Jürgen Sparwasser unseren Horst-Dieter Höttges und erzielte das Siegtor für die DDR. Fortan setzte mich Helmut Schön lieber gleich auf die Tribüne, damit die Leute gar nicht mehr nach mir rufen konnten.

Schöns Mannschaft wurde Weltmeister, aber was hatte ich damit zu tun? Ich habe Cruyff gespielt im letzten Training, als der Finalgegner Niederlande kopiert werden sollte. Und ich darf wohl ohne Angeberei sagen, dass ich in diesem Training einer der besten Cruyffs war, den es je zu sehen gab. Ich war für das Finale nicht einmal als Ersatz vorgesehen, und doch war ich befreit und beschwingt. Mir gelang in diesem Training wirklich alles. Hinterher musste ich meinen Gegenspieler Berti Vogts regelrecht aufbauen, der war fix und fertig und befürchtete für das Finale das Schlimmste. „Berti“, sagte ich, „das, was ich heute gespielt habe, kriegt der Cruyff nie im Leben hin.“

Hat er dann ja auch nicht. Berti, die Jungs, meine Jungs, waren einfach besser als die Niederländer an diesem 7. Juli im Münchner Olympiastadion. Ich saß auf der Tribüne, ich zitterte mit, ich jubelte mit, ich freute mich mit. Aus ganzem Herzen. Wäre schön, wenn ich mich am 9. Juli 2006 noch einmal so freuen könnte.

— Die Fotos sind der Porträtreihe „Gesammelte Helden“ entnommen, die von dem Stuttgarter Kunstprojekt „bildkultur“ herausgegeben wurde. Der Fotograf Volker Schrank hat die Helden seiner Kindheit – soweit verfügbar – noch einmal aufgenommen. Wir zeigen elf Mitglieder des Weltmeisterschaftskaders. Die gesamte Ausstellung ist ab dem 16. Juni im Museum für Kommunikation, Berlin, Leipziger Straße 16, zu sehen.

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