Kultur : Ihre Stunde wird kommen

Wie arabische Autoren bis heute gegen Unterdrückung und Ignoranz kämpfen / Von Rafik Schami

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Bei einem Fest, zu dem mich ein reicher syrischer Arzt in der Nähe von Stuttgart einlud, traf ich auf etwa zwanzig wohlhabende Männer mittleren Alters und ihre etwas jüngeren, aber beleibteren Frauen. Der Arzt deutete geheimnisvoll an, dass er seinem Onkel einen würdigen Empfang mit den angesehensten Syrern in Deutschland bereiten wolle. Der Onkel, ein General, sei der zweite Mann im Staat nach Assad und weile hier inkognito zu Besuch.

Die Männer rätselten und scherzten über die geheime Mission des Generals, aber der Gastgeber winkte ab: „Eine medizinische Behandlung“, sagte er trocken. Plötzlich entstand Unruhe in der Wohnung, ein Tuscheln, der General sei angekommen. Durch die Tür kam ein schlaksiger, etwa sechzigjähriger Mann in einem viel zu kleinen geschmacklosen Anzug. Er sah aus wie ein Trödler nach einem windigen Tag auf dem Flohmarkt und nicht wie jemand, der über Geheimdienste und Spezialeinheiten gebietet.

Der Gastgeber bat um Aufmerksamkeit, etwas theatralisch stellte er seinen Onkel vor und führte ihn zu jedem von uns. Alles schien irgendwie im Fernsehen beim Kanzlerempfang abgeguckt, nur war das Ambiente bedeutend schäbiger. Man hörte dabei, wie der General zum Beruf jedes Gasts etwas zu sagen hatte. Beim Autohändler fragte er nach dem neuesten Mercedes, beim Orthopäden nach einer Erlösung von seinen Knieschmerzen. Mit dem Apotheker scherzte er über Potenzmittel und beim Architekten fragte er, ob er ihn nicht beim Ausbau seines Hauses am Mittelmeer beraten könne.

Als der Gastgeber mit seinem Onkel zu mir kam, sagte er: „Herr Rafik Schami ist Schriftsteller. Die Deutschen lieben ihn.“

Ich empfand einen Stich im Herzen bei dieser kühlen Distanzierung, die in höfliche Worte verpackt war, aber die Reaktion des Generals verschlug mir fast den Atem. „Was schreibst du?“„Romane und Kinderbücher“, antwortete ich. „Wozu das denn!“, sagte der General, nicht etwa in Frageform, sondern empört, und ging zum nächsten Gast, einem Bauunternehmer aus Aleppo. In dieser Sekunde wusste ich, wie elend es der arabischen Kultur in der Hand solcher Primitivlinge geht.

Diplomaten sind das geschliffene Spiegelbild ihrer Regierungen. Und heute, nach 1397 Lesungen in 25 Jahren, kann ich jeden Skeptiker davon überzeugen, dass die arabischen Diplomaten zwar lesen können, aber Kulturanalphabeten sind – als wären sie alle bei jenem syrischen General in die Schule gegangen. Wo auch immer ich auftrat, ob in Zürich, Paris, Berlin, Wien oder München, traf ich in all den Jahren keinen einzigen Diplomaten der arabischen Länder.

Wen wundert es, dass die Arabische Liga einen solch schlechten Ruf unter den Exilautoren hat. Warum sollte ich ihr jetzt bei der Frankfurter Buchmesse zur Seite stehen? Was hat die Arabische Liga in den Jahrzehnten ihrer Existenz für die exilierten, verfolgten und verhafteten Autoren getan? Mein Werk ist in 23 Sprachen erschienen, aber nicht auf Arabisch, weil ich auf der schwarzen Liste stehe. Für mich ist das der höchste arabische „Literaturpreis“. Aber es schmerzt trotzdem.

Und ist es ein Zufall, dass bis auf den ägyptischen Nobelpreisträger Nagib Machfus, der seit einem Attentat auf ihn sein Haus in Kairo nicht mehr verlässt, die weltweit bekanntesten arabischen Autoren ausnahmslos Exilanten sind: Edward Said, Tahar ben Jelloun, Rafik Schami und Amin Maalouf? Nein, das ist die Konsequenz der langen Nacht arabischer Diktaturen; und ich möchte prophezeien, dass das Exil zur Heimat erstrangiger arabischer Literatur wird.

Warum aber nimmt die Welt das Heer arabischer Staatsautoren nicht zur Kenntnis? Das ist eine komplizierte Frage. Die offizielle Antwort aus den arabischen Ländern versimpelt, vertauscht Ursache und Wirkung und ist nicht selten antisemitisch. Meist sind diese Erklärungen ein Trostpflaster für die Staatsautoren, die immer geglaubt haben, wer Sippe und Vaterland verlässt, ist verloren. Die Ursache für die marginale Stellung der arabischen Literaturen ist vielschichtig. In Arabien werden sehr wenige Bücher gedruckt. Ein schneller Vergleich mit Deutschland – über 700 Neuerscheinungen kommen auf eine Million Einwohner – zeigt, dass die arabischen Länder eine literarische Wüste sind: 35 neue Bücher pro Jahr entfallen auf eine Million Bewohner. Und nur die wenigsten finden ihren Weg in eine fremde Sprache. Warum?

1. Eine unheilige Allianz zwischen Militärs, Fundamentalisten und den herrschenden Sippen erzeugt einen erstickenden Despotismus. Ein Gedicht kann bis zu zehn Jahre Gefängnis und ein Essay das Leben kosten. Die oppositionelle Literatur ist schwach und bedrängt.

2. Die Buchmärkte der Welt sperren sich immer mehr gegen Übersetzungen aus anderen Sprachen. Das spüren wir in Deutschland noch nicht, weil Deutschland eine Paradiesinsel des Buches ist; die Einzigen, die das nicht wissen, sind die Deutschen. In den USA, Großbritannien, Osteuropa, Italien, Spanien, Japan und China sieht es für fremde Literaturen dagegen düster aus. In Deutschland werden tausende Titel aus aller Welt übersetzt und viele Übertragungen sogar von staatlichen Institutionen, von der Kirche und von diversen Stiftungen finanziell unterstützt. Das deutsche Lesepublikum ist eines der neugierigsten der Welt.

3. Trotz dieser günstigen Bedingungen bleiben die meisten Übersetzungen aus dem Arabischen den Lesern unbekannt und werden schnell verramscht. Das hat triftige Gründe. Die meisten arabischen Staatsautoren, zu denen die Vermittler Zugang bekommen, sind langweilige Nachahmer. Man könnte eine interessante Untersuchung über die Abhängigkeit der arabischen Literatur anstellen und zeigen, wie sie sich wandelte: Erst wurde die französische, dann die amerikanische, die russische und zuletzt die lateinamerikanische Literatur kopiert. Literarische Experimente, auch in arabischer Tradition, gab es zwar viele, aber keiner schätzte sie. Im Gegenteil, je unarabischer man erzählte, umso moderner kam man sich vor. Das hat wohl mit dem Minderwertigkeitskomplex vieler Araber gegenüber Europa zu tun; doch reine Nachahmer, gleich welcher fremden Kultur, haben nirgends eine Chance. Heute wie vor dreißig Jahren vertrete ich die These, dass wir aus unserem Erfahrungsschatz schöpfen und beim Erzählen nahe bei uns bleiben müssen.

Doch nicht nur die Literatur selbst, auch ihre Vermittler spielen eine entscheidende Rolle. Leider haben die arabischen Literaturen nicht das Glück ihrer lateinamerikanischen Schwestern, die durch kongenialem Übersetzer wie Curt Meyer-Classon dem deutschen Lesepublikum näher gebracht wurden; ein ähnliches Glück widerfährt der italienischen Literatur unter anderem mit Burkhard Kroeber oder der schwedischen mit Wolfgang Butt. Die arabischen Literaturen dagegen haben ein schweres Los mit ihren Übersetzern, die weder Arabisch noch Deutsch und schon gar nicht beide Sprachen gut beherrschen. Ein Beispiel von vielen: Sieben Übersetzer(innen) nahmen sich die schönste Satire der modernen arabischen Literatur zur Brust, Emil Habibis „Der Peptimist“ (im Lenos Verlag, Basel) – und verwandelten sie in eine Art deutsches Amtsblatt.

Statt aufmüpfige Autorinnen und Autoren zu suchen, übersetzen einige inzwischen die Machwerke der Diktatoren. Als ob die Verbrechen Saddam Husseins nicht reichten, müssen wir auch noch seinen literarischen Mundgeruch ertragen. Doris Kilias, die brave Ex-DDR-Seele, übersetzte als Beitrag zur Völkerverständigung 2004 Saddams „Zabiba und der König“ (editio de facto, vgl. Tagesspiegel vom 23.4.). Auch der angeblich kritische Grüne Gernot Rotter übersetzte vor Jahren einen Roman Gaddafis: „Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten“ (Verlag Belleville, München). Armes Papier!

Statt besser Arabisch zu lernen und noch besseres Deutsch zu schreiben, verwandeln sich diese Übersetzer in Experten für die arabische Psyche und den deutschen Buchmarkt. Ihre Diagnosen lassen jeden Azubi im Buchhandel den Kopf schütteln. So habe ich den traurigen Eindruck, die arabischen Literaturen sind in Deutschland überwiegend nicht von Freunden und Liebhabern umgeben, sondern von Gesundbetern oder selbsternannten Heilern. Wenn das so bleibt, hat die arabische Poesie kaum eine Chance. Doch ich bin ein unverbesserlicher Optimist: Die sensiblen Leser werden die Rosinen auch in diesem Kuchen entdecken.

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