Kultur : Ihre Waffe ist das Fett - Außenseiter müssen keine Engel sein

Iris Alanyali

Marianne ist dick. 127 Kilogramm dick. Das ist viel, aber eigentlich nicht so viel, dass man sie sich als eines jener Ungetüme vorstellen müsste, die Boulevardmagazine mit wohligem Schauer dabei vorführen, wie sie von vier Mann durch eine Flugzeugtür gewuchtet werden. Doch Türen meidet Marianne, wann immer es geht. Sie klebt Briefumschläge in Heimarbeit, und ihr skurriles Hobby, eine Videosammlung von "Die Schöne und das Biest", die eine japanische Version ebenso umfasst wie die pornographische, kommt per Post ins Haus. Marianne hat einen Sohn, den sie dafür hasst, dass sein Vater sie im Angesicht der Schwangerschaft hat sitzen lassen, und dafür, dass er davon ausgeht, die Welt richte sich nach seinem Brüllen. Marianne liebt Héve, vor allem dann, wenn er brav und niedlich ist, um alles andere kümmert sich die Nachbarin, Michelle, eine "Mohrrübe voll karitativer Gier", wie die Ich-Erzählerin Marianne sagt: "Dieser verdammte sentimentale Quatsch, wer kann wissen, wie das wirklich ist, einhundertsiebenundzwanzig Kilo Leid?"

Marianne fühlt sich als Monster, also benimmt sie sich wie eines. Sie ist maßlos in ihrem Auftreten, maßlos in ihren Gefühlen. Etliche Pfund Selbstmitleid hat sie umgestülpt zu Aggressivität. Ihre Waffe ist das Fett. Vergewaltigen sie Fremde mit verstohlenen Blicken voller Lust und Ekel, dreht sie ihnen mit einem Ruck herausfordernd ihre gesamte Masse zu. Und wenn Michelle eine ihrer moralinsauren Strafpredigten über Verantwortung und Mutterpflichten abhält, schwenkt Marianne mit Vorliebe ihre entblößten Pobacken vor Michelles Gesicht.

Marianne geht nur nachts spazieren. Auf einem dieser Streifzüge lernt sie Georges kennen, einen Außenseiter wie sie. Der ehemals hochrangige Versicherungsangestellte hat Arbeit, Frau und Freunde verloren und lebt jetzt in ein paar Pappkartons. An seiner Freundlichkeit prallt Mariannes Feindseligkeit einfach ab. Er umsorgt sie, und irgendwann lieben sie sich im strömenden Regen neben einem Parkplatz. Marianne lässt Georges in ihre Wohnung und träumt von einem Leben zu zweit gegen alle. Und tatsächlich wird jetzt alles anders. Aber gar nicht gut. Denn eigentlich hasst Georges die Nacht und die Straße. Und sein Adressbuch aus besseren Zeiten ist ihm ein Heiligtum.

"Big" ist das Romandebüt der 1964 geborenen, mit einem Vietnamesen verheirateten Französin Valérie Tong Cuong, einer ehemaligen Werbefachfrau, die heute Drehbücher schreibt, Songtexte für die eigene Rockband verfasst und übrigens nicht einmal halb so viel wiegt wie ihre Protagonistin. Wer aber eine Abrechnung mit der Oberflächlichkeit des schönen Scheins erwartet, wird enttäuscht. Zwar sagt Tong Cuong, ihr gehe es um das Anderssein im Allgemeinen und um den Zwang zur Anpassung. Den Heldentypus aber, der nachdenklicher, kritischer und individueller ist als die gemeine Masse, verweigert der Roman.

Marianne erzählt ihre Geschichte mit unversöhnlichem Zynismus und zeichnet eine Welt, die so trostlos ist wie die Vorstadtbars, in denen sie sich nachts herumtreibt. Ihre Verbitterung und das Fehlen jeglichen Humors sind eine Herausforderung an das Identifikationsbedürfnis des Lesers und machen die Lektüre mitunter mühsam. Marianne ist schwer zu durchschauen, kaum zu verstehen. Ihre Vergangenheit und Gründe für ihr Übergewicht bleiben im Dunkeln. Aber einfach beiseite schieben lässt sie sich nicht. Selbst wenn man das Buch mit Widerwillen zuklappt, merkt man, dass Marianne sich längst festgesetzt hat. Abscheu und Mitleid wechseln sich ab - und das nicht nur gegenüber der Protagonistin: Michelle und Georges erscheinen in ihrer grenzenlosen Güte mitunter als die viel größeren Monster, Marianne wird dadurch aber noch lange nicht zum Engel. "Big" stellt den romantisch gefärbten, sozialkritischen Eifer, der uns glauben macht, Dicke und Clochards seien wie alle Außenseiter die besseren Menschen, auf eine harte Probe. Alles sentimentaler Quatsch.Valérie Tong Cuong: Big. Roman. DuMont Verlag, Köln 1999. 310 Seiten, 44 DM.

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