Kultur : Ikko Tanaka: Eleganz und Harmonie

Elfi Kreis

Eine regenbogenfarbene Linie schlängelt sich über weiße Fläche. Sie zeichnet den schwebenden Umriss zweier Gesichter aufs Papier - wie beim hingetuschten Pinselschwung einer Kalligraphie. Das einprägsame Bild hat trotz seiner Einfachheit etwas vom Zauber eines luftigen Seiltricks. "Art de Vivre" steht auf dem Plakat, das Ikko Tanaka 1999 für Shiseido entwarf. Zwei Jahre vorher entstand das Plakat zur Ausstellung "The Art of the Shoe" im Museum des Mailänder Modemachers Salvatore Ferragamo: Arbeiten eines heute 70-Jährigen.

Sein Design Studio gründete Tanaka 1963 in Tokyo. Seit 25 Jahren ist er als Art Director der Seibu-Gruppe nicht nur für die Corporated Identity der Kaufhausgruppe verantwortlich, sondern auch für die zum Konzern gehörenden Kulturinstitutionen: das Seibu-Theater und das heute in Sezon-Museum of Art umbenannte frühere Seibu-Museum in Tokyo. Der Meister selbst hat seine Berliner Werkschau im Bauhaus-Archiv arrangiert. Mit ihr setzt das Museum für Gestaltung ihren Schlußpunkt unter die Berliner Beitragsreihe zu "Japan in Deutschland".

Die Schau des bedeutendsten Grafikdesigners des heutigen Japan führt durch vier Schaffensjahrzehnte. Sie skizziert die Vielfalt seiner Formensprache, die aktualisierte Elemente der Moderne mit japanischer Tradition verbindet. Anhand von 60 Plakaten und zahlreichen Buchdesign-Beispielen gibt Tanaka einen Überblick über seine beiden wichtigsten Arbeitsfelder. Aber er entwickelt auch die Typografie für Druckerzeugnisse, entwirft Verpackungen ebenso wie Firmen-Logos. Auch das Konzept der in den 90er Jahren gegründeten Designshop-Kette "Muji" stammt von ihm. Dort werden "no brands goods" verkauft: gute und günstige Produkte ohne Label, die ökologischen und funktionalen Kriterien gerecht werden. 1970 entwarf er einen Pavillon auf der Weltausstellung in Osaka. In jüngster Zeit entstanden nach seinen Vorlagen Wandbilder im Flughafen Narita bei Tokyo.

Plakatwerbung für die Kultur

Tanaka arbeitete nach seinem Studium in Kyoto für die Zeitung "Osaka Sankei Shimbun". In den sechziger Jahren schuf er in freier Anlehnung an traditionelle Farbholzschnitte Plakate für die No-Theaterbühne "Sankei Kanze". Die meisten der in Berlin gezeigten Plakate werben für Kultur: Ausstellungen, Festivals internationaler Kulturinstitute, für Bücher oder Typografie, Konzerte und Theateraufführungen.

Im Mittelpunkt der meisten Plakate stehen Schriftzeichen. Sie spielen bei seiner virtuosen Übersetzung des Gestern ins Heute eine Schlüsselrolle. Tanaka benutzt alte chinesische Schriftzeichen, die exakt darstellen, was sie bedeuten: ein Auge oder ein Mund mit einer Reihe spitzer Zähne. Hinzu kommen die drei unterschiedlichen Schriftarten Kanji, Hiragana und Katakana als Grundlage des modernen japanischen Schriftsystems, ferner lateinische Buchstaben. Tanaka setzt den grafischen Charakter aller erdenklichen Zeichensätze als Symbol wie Bildelement poetisch verfeinert und überaus prägnant ein. Er verbindet sie mit abstrakten Farbformen, stilisierten Bildelementen zu immer wieder neuartigen Kompositionen.

Der mit sämtlichen Auszeichnungen seiner Zunft schon geehrte Tanaka praktiziert mit Selbstverständlichkeit die Verknüpfung von freier und angewandter Kunst. Im Unterschied zur Werbung westlicher Prägung steht selbst bei seinen Firmenkampagnen keine Produktinformation im Vordergrund. Wofür er in reduziertem Schwarzweiß oder leuchtendem Farbkolorit auch wirbt, stets vermitteln die auf seine Kunden zugeschnittene Images die gleiche Botschaft: Schönheit, Eleganz und Harmonie. Statt auf Schockeffekte setzt er auf Verfeinerung, die Leichtigkeit einer aufs Äußerste reduzierten Linie. Für das Bauhaus-Archiv ist die Ausstellung ein doppelter Glücksfall, denn bis auf wenige, frühe Stücke bleiben die Exponate als Schenkung in Berlin. Künftig kann das Museum für Gestaltung auch mit einem druckfrischen Plakat Tanakas für sich und seinen in Deutschland einzigartigen Bestand Reklame machen: Der Meister hat es exklusiv für das Haus entworfen.

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