• Il Giordano Harmonico im Radialsystem: So erotisch können historische Instrumente klingen

Il Giordano Harmonico im Radialsystem : So erotisch können historische Instrumente klingen

Amourös und zupackend: Il Giardino Armonico spielen Sinfonien von Joseph Haydn im Radialsystem.

von
Giovanni Antonini und sein Ensemble
Giovanni Antonini und sein EnsembleFoto: Benjamin Pritzkuleit

Als Dirigent gehört Giovanni Antonini zum Typ „Schaufelradbagger“. Der ganze Körper ist bei ihm im Einsatz, jeder Fleck, jedes Gelenk trägt Bedeutung, Kopf und Rücken genauso wie die Knie, in die er geht, oder die Hände, die er zum Beten faltet, wenn es leise werden soll. Und natürlich diese weltumspannenden Arme, vor denen sich sein Orchester Il Giardino Armonico regelrecht in Acht nehmen muss. Nicht immer übersetzt sich eine dermaßen exaltierte Gestik auch in einen überzeugenden Klang, die Energie, die von ihr ausgeht, kann auch einfach verpuffen. An diesem Abend im Radialsystem ist es zum Glück anders.

Bis 2032 – wahrlich ein Langzeitprojekt! – wollen der gebürtige Mailänder Antonini und sein Ensemble alle 107 Sinfonien von Joseph Haydn auf CD einspielen, aufwendig gestaltet mit Magnum-Fotografien. Am Wochenende haben sie die Nummern 12, 60 und 70 vorgestellt sowie die kurze Buffa-Szene „Il Maestro di Cappella“ von Domenico Cimarosa. Bei aller Fülle bleibt der Klang biegsam, schon die kurze, nur dreisätzige Sinfonie Nr. 12 gehen die Musiker amourös an, ein zärtliches, aber auch zupackendes Tändeln mit Dynamik und Rhythmus, immer mit der richtigen Prise Dramatik. So erotisch können historische Instrumente klingen!

Nicht chronologisch werden die Sinfonien präsentiert, sondern nach Assoziationsräumen geordnet, jetzt sind heitere Werke dran. „Il Distratto“ („Der Zerstreute“) heißt ein Bühnenstück, für das Haydn die Musik schrieb – die er später in der sechssätzigen Sinfonie Nr. 60 zusammengefasst hat. Cimaros 15-minütige Buffonerie soll dem Abend eine zusätzliche Note verleihen – und wird zu seinem Höhepunkt. Riccardo Novaro singt einen lustigen Bariton, der plötzlich dirigieren muss – was ihn völlig überfordert.

Haydns viel beschriebene „witzige“ Einfälle – die ersten Geigen mitten im Konzert stimmen zu lassen, die Fuge in der 70. Sinfonie mit einem einzigen hohen Streicherton beginnen zu lassen – werden bei Il Giordano Armonico deutlich als das, was sie wirklich sind: keine Späße, sondern Stolperfallen, mit denen eingefahrene Hörroutinen durchbrochen werden sollen. Dass das hässliche Wort vom „Vielschreiber“ in Bezug auf Haydn zunehmend seinen negativen Klang verliert, ist auch ein Verdienst dieses Ensembles. Weil es zeigt, wie individuell jede Sinfonie tatsächlich ist.