Il Profondo im Radialsystem : Die Violinistin trägt Klarsichtfolie

„Ich bin Rauch“: Das Barockensemble Il Profondo erlaubt sich im Radialsystem ein paar Clownerien.

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Solistenensemble "Il Profondo"
Solistenensemble "Il Profondo"Foto: promo

Der Wahnsinn hatte in der Musik des frühen Barockzeitalters Konjunktur: Mit diesem Thema nämlich ließen sich von der verzückten Verliebtheit bis hin zu Eifersucht und modischer Melancholie die menschlichen Affekte in neuer Weise erkunden, während in der Instrumentalmusik besessen wiederholte Bassmodelle als Grundlage für ausgedehnte virtuose Kabinettstücke erprobt wurden. Es war daher eine vielversprechende Idee des Barockensembles Il Profondo, dem Verlust des Verstandes eine ganze Performance zu widmen. Für die szenische Umsetzung im Radialsystem orientiert sich die Regisseurin Aliénor Dauchez an Clownerie und Slapstick, die sie mit Elementen des Objekttheaters vermischt.

Unter dem Titel „Ich bin Rauch“ gelingen ihr und den fünf Instrumentalisten einige gute Bilder: Mit der grotesken Hilflosigkeit einer verhedderten Marionette versucht Anaïs Chen in einem hübsch ausgespielten stummen Solo, Bogen und Violine zueinanderzubringen. Aufgeblasen und lüstern stolziert Josías Rodríguez Gándara mit erigierter Langhalslaute in Callots Manier daher, während sich Eva Saladin nicht davon irritieren lässt, dass sie beim virtuosen und mit feinsinnigen Verzierungen garnierten Vortrag einer Sonate von Mealli in Klarsichtfolie eingewickelt wird. Kaum über die Wirkung von Tischfeuerwerk gehen dagegen die pyrotechnischen Effekte hinaus, die der Performance ihren Namen geben

Schnelles Tempo, das auf Dauer auch zu Wahnsinn und Slapstick gehört, findet leider fast nur auf der musikalischen Ebene statt. Als roter Faden dient die anonyme Kantate „La Pazzia“, die Flavio Ferri-Benedetti mit kraftvollem, klarem und modulationsfähigem Counter vorträgt. Für spannende Experimente zwischen den historischen Musikstücken sorgen Zwischenmusiken des Komponisten Caspar Johannes Walter. Sie basieren auf historischen Versuchen, die Oktave nicht nur zwölffach, sondern 31-fach zu teilen, und bringen die verschieden gestimmten Instrumente in einer absurden, zwischen historischer Informiertheit und aktueller Anmutung changierenden Kommunikation zusammen und auch wieder auseinander.

Trotz eher leiser Lacher ist der Abend doch ein positives Beispiel dafür, dass es sich für klassische Musiker lohnen kann, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich auch körperlich in eine Performance einzubringen.

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