"Il re pastore" an der Komischen Oper : Schäferstündchen

„Il re pastore“: Die Komische Oper führt ein frühes Gelegenheitswerk von Mozart konzertant auf.

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Muss man die Musik des Barock und der Frühklassik für ein heutiges Publikum „aufschließen“? Selbst wenn sie von Mozart ist? Die Komische Oper glaubt offenbar: Ja. Bei der einmaligen konzertanten Aufführung von „Il re pastore“ am Sonntag vertraut sie nicht auf die Kraft der Klänge allein, sondern installiert zusätzlich mit Christoph Späth einen Erzähler, der zwischen den Arien seinen Senf dazugibt und erläutert, was gerade passiert – immer schön mit Gegenwartsbezug, natürlich. „Im Reich von Sidon, irgendwo im Nahen Osten“, so fängt es an. Da sitzt der Hirte Aminta auf der Weide, „quasi in der Uckermark von Sidon“. Autsch.

Mit seiner Geschwätzigkeit macht Späth das Libretto komplizierter, als es ist. Aminta ist in Wahrheit König von Sidon, was er aber nicht weiß. Alexander der Große will ihn wieder in seine Funktion einsetzen, was allerdings bedeutet, dass der Hirte auf seine künftige Braut Elisa (Maureen McKay) verzichten und stattdessen Tamiri (Nadja Mchantaf), die Geliebte seines Freundes Agenore, heiraten muss – was er verständlicherweise nicht will. Schließlich willigt der weise Alexander ein, dass die richtigen Paare zueinanderfinden dürfen. Ist das so schwer zu verstehen, dass es dafür einen Vermittler braucht? 

Zum Glück macht die musikalische Seite vieles wett. Christian Curnyn, der gerade erst am selben Haus Rameaus „Castor und Pollux“ geleitet hat, wedelt zwar ziemlich expressiv mit den Armen, das Ergebnis aber, ein schlanker, stürmischer, vorwärtsdrängender Mozart, kann sich hören lassen. Und auch 250 Jahre später verblüfft noch immer, wie der damals 19-Jährige Stimmungen und Affekte in Musik fassen konnte. Wie Aminta – Erika Roos singt die Hosenrolle agil und wendig auch in höchsten Lagen – in seiner Verzweiflungsarie „L’amerò, sarò costante“ von einer zarten Sologeige umspielt wird. Wie die Erregtheit von Agenore (Adrian Strooper), der genauso wenig einen Ausweg aus der Lage sieht, mit raschen Tempo- und Dur-Moll-Wechseln und abgehackter, zerrissener Stimmführung ausgedrückt wird. Mauro Peter singt den Alexander mit sattem, majestätischem Tenorbalsam und viel Koloraturenherrlichkeit. Letztlich geht es bei der ganzen Sache natürlich vor allem um die Huldigung des Herrschers – oder der Herrscherin, denn gemeint ist Maria Theresia, für deren Salzburgbesuch 1775 Mozart das Stück geschrieben hat.

Dann wieder: der Erzähler. „Alexander hat schon viele Achsen des Bösen gebrochen“, klärt er uns auf. Und: „Ist es nicht großartig, wenn man großartig ist?“ Klar, der Schwulst von Metastasios Vorlage ist manchmal schwer zu ertragen. Solche Kommentare aber ebenso. Wem zu dem Stück nicht mehr als Spott einfällt, der kann es gleich lassen.

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