"Illuminance" : Das stille Staunen

Die japanische Foto-Künstlerin Rinko Kawauchi zeigt die Schönheit des Alltäglichen. Ihrem Buch "Illuminance" spielt Licht eine wichtige Rolle, in seiner sanften wie in seiner grellen Form.

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04.08.2011 15:42

Oft wird ihr gesagt, sie habe die Augen eines Kindes. Rinko Kawauchi stört das nicht, im Gegenteil. „Für Kinder ist alles, was sie sehen, noch eine Entdeckung. Je älter man wird, desto mehr kommt einem dieser frische Blick abhanden“, erklärt sie. Wie sie selbst sich die Fähigkeit zum Staunen erhalten hat, das weiß die 39-Jährige auch nicht so genau. Aber ihre ganz eigene, beinahe unschuldige Perspektive auf die Welt, ihre einfachen, poetischen Bilder haben Kawauchi zur wahrscheinlich wichtigsten japanischen Fotografin der Gegenwart werden lassen.

Nun erfährt sie endlich auch Aufmerksamkeit jenseits der Heimat. Gerade hat sie in Innsbruck, in Los Angeles und Manhattan ausgestellt. Außerdem erschien vor Kurzem ihr erstes Buch außerhalb Japans, bei Kehrer in Heidelberg und zugleich bei Aperture in New York. Es heißt „Illuminance“ und versammelt, als eine Art fotografisches Tagebuch, Aufnahmen aus den vergangenen fünfzehn Jahren.

Es sind typische Kawauchi-Fotografien, die in Asien, Amerika und Europa entstanden sind, meist ohne dass man mit Sicherheit sagen könnte, wo. Denn sie zeigen Kleinigkeiten, scheinbar Unbedeutendes und Alltägliches – und ziehen den Betrachter doch in ihren Bann. Sanfte und irritierende Bilder wechseln einander ab. Mal sieht man Tautropfen auf Spinnweben, dann aneinandergedrängte Goldfische in einer Plastiktüte, mal blickt man auf die aus dem Wasser ragende Wade eines Schwimmers, dann auf ein totes, blutverschmiertes Reh am Straßenrand. Oft nähert sich Kawauchi ihren Motiven bis auf wenige Zentimeter: Wie ein Kind, das es ganz genau wissen und alles am liebsten berühren will, fixiert sie den Hinterkopf einer Frau, eine glimmende Zigarette oder die Röntgenaufnahme ihrer Wirbelsäule.

Einige dieser Bilder sehen aus wie Schnappschüsse, und das sind sie auch insofern, als dass Kawauchi einfach intuitiv festhält, was sie interessiert und bewegt. Das einzige, was die meisten der Fotografien in ihrem neuen Buch verbindet, ist die titelgebende „Beleuchtung“. Denn Licht spielt in „Illuminance“ tatsächlich eine wichtige Rolle, in seiner sanften wie in seiner grellen Form.

Rinko Kawauchi selbst wirkt so ruhig und ungekünstelt wie ihre Bilder. Sie ist eine schlanke Frau mit langen Haaren, einem wachen Blick und ohne jede Arroganz. An einem Freitagabend sitzt sie auf dem Sofa in der Lobby ihres Berliner Hotels unweit vom Alexanderplatz, hat ihren Laptop auf dem Schoß und klickt sich durch ihre neuesten Fotografien. Sie ist in der Stadt, um eine befreundete japanische Künstlerin zu porträtieren, eine Auftragsarbeit. Auf dem Flachbild-Fernseher an der Wand läuft ein Nachrichtensender, der Reaktor von Fukushima ist zu sehen. „Japan muss sich ändern“, sagt Kawauchi unverhofft. „Wir sollten neu über die Atomkraft nachdenken.“ Es sind überraschende Worte aus dem Mund einer ausgesprochen unpolitischen Künstlerin, deren Bilder ihre Kraft gerade daraus gewinnen, dass sie so privat, ja, intim wirken – ohne erkennbaren Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten.

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