Kultur : Im Advent kann es verdammt kalt sein

Frederik Hanssen

Man kann den Berliner Unterhaltungstheatern gar nicht genug dafür danken, dass sie das Thema Weihnachten zeitlich differenzierter behandeln als die Supermärkte. Dort brüllen uns seit den letzten Spätsommertagen Spekulatius, Dominosteine und Liegnizter Bomben aus den Regalen ihr "Kauf mich!" entgegen. Der Friedrichstadtpalast dagegen hängt das Christfest erst seit Mittwoch an die große Glocke: "Jingle Bells" heißt die Weihnachtsrevue auch in diesem Jahr, und Regisseur Jürgen Nass beantwortet die Frage, wie die "stille Zeit" mit der Kunstform zu vereinbarn sei, indem er gegenüber dem üblichen Revue-Rhythmus den Anteil besinnlicher Nummern erhöht. Das ist riskant: Denn die Leute, die in den Unterhaltungspalast strömen, suchen ja gerade den schnellen Wechsel der Adrinalinschübe zwischen Hochseil-Attraktionen und Kostümorgien. Sie wollen abgelenkt werden, sie wollen staunen, sie wollen eine Riesenbühne voller langbeiniger Mädels.

Insofern ist es ein geschickter Schachzug der Regie, die berühmte Girlreihe gleich zu Beginn auf die Bühne zu schicken. Das Auge ist befriedigt, und Gastgeber Michael Schanze kann mit dem Volkshochschulteil beginnen. Bildung nämlich wird hier traditionell groß geschrieben. Also erzählt Herr Schanze auf seiner musikalischen Winterreise manches über Weihnachten in Schweden, Großbritannien, Russland und Preußen. Schanze ist charmant, bedient effektsicher das Piano, singt mit sanftem Bariton - allein seine Kalauereinlage als bayerischer Christbaumschmücker fällt da heraus. Ein atmosphärischer Missgriff: Orte professioneller Unterhaltungskunst wie der Friedrichstadtpalast sind ironiefreie Zonen. In Traumfabriken sind Pointen fehl am Platze - weil sie auf Verfremdung von Realität basieren. Realität aber ist hier von vornherein ausgeschlossen. Ebenso wie jene Individualität, die aus mangelnder Selbstkontrolle entsteht. Der grandiose Gleichschritt der Tanztruppe funktioniert eben nur, wenn der Einzelne sich zugunsten des optischen Gesamteindrucks verleugnet - zumindest für die Dauer der Aufführung. Da unterscheidet sich die Girlreihe nicht von der russischen Akrobaten-Truppe, die zwischen den Weihnachtsliedern ihre atemberaubenden Kunststücke vollführt. Wer im Showbusiness nicht auf die Nase fallen will, braucht Disziplin. Die kleinen Schlittschuhläuferinnen, die mit der echten Eisfläche aus dem Bühnenboden auftauchen, haben ihre Lektion gut gelernt.

Vielen mag diese auf reibungslose Reproduzierbarkeit zielende Spielform der Bühnenkunst kalt erscheinen. Wer sich aber auf sie einlässt, kann schwerelose Stunden erleben. Auch bei der kleinen Schwester des Friedrichstadtpalastes, dem Wintergarten. Wo die Megabühne mit der Überwältigung arbeitet, spielt das Etablissement in der Potsdamer Straße den Trumpf der Intimität aus: Robin Merrill und das Savoy Dance Orchestra wollen die Zuschauer in "Swingle Bells" in einen Luxushotel-Danceroom entführen. Die Show hat mit Weihnachten so viel zu tun wie verkaufsoffene Samstage mit dem Neuen Testament, und auch die Musiker sehen in ihren Westen-Anzügen verdächtig nach Leihgaben des Finanzamts Schöneberg aus - doch ihr Sound ist cool und Merrills Minimalmoderation very british. Hit der Nummernfolge sind eineiige Zwillinge, die nicht nur fantastische Jonglagetricks drauf haben, sondern auch das Zeitungszerkleinern per Peitsche beherrschen. Ein Russe, der bezaubernd Regalbretter beturnt, und zwei Zeitlupen-Luftnummern machen das Programm voll.

Es soll ja Leute geben, die für Live-Unterhaltung gar nichts übrig haben. Couch-Potatoes, die süße Glocken lieber aus dem Fernseher klingen hören. Auch diesen Allein-Unterhaltern kann geholfen werden. Am 25. Dezember. Dann läuft in der ARD der Film "Single Bells".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben