Kultur : Im Affenzahn die Rolltreppe rauf

Sensationen in Schwarz-Weiß: Das Hamburger Bucerius Kunst Forum zeigt New-York-Fotos.

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Was heißt in Berlin leben anders, als Karriere machen, hat Fontane geschrieben, und genau so hätte er es auf New York münzen können. Als „Stadt des Ehrgeizes“ hat sie Alfred Stieglitz, der noch zu Fontanes Lebzeiten in Berlin Fotografie studierte, 1910 mit dem Titel einer seiner berühmtesten Aufnahmen charakterisiert, voller Wolkenkratzer hinter der Fährstation, an der man noch heute am Südzipfel Manhattans anlanden kann.

Damals war New York tatsächlich ein Schmelztiegel für Millionen von Einwanderern, die an Ort und Stelle ein neues Leben begannen. Häuser wuchsen in die Höhe, Hochbahnen donnerten über die Passanten hinweg. Wahrlich nicht alle kamen mit dem neuen Tempo mit. New York bildete einen Kosmos eigener Art. Für die Kunst der Fotografie ganz besonders: Es ließe sich eine ganze Geschichte der Fotografie schreiben, die allein in New York vonstatten ging und dort alle Themen fand und alle Arten, sie zu verarbeiten.

Davon zeugt die Ausstellung, die das Bucerius Kunst Forum in Hamburg mit gut 170 Leihgaben unter dem Titel „New York Photography 1890–1950. Von Stieglitz bis Man Ray“ erarbeitet hat. Gegliedert in zehn thematische Kapitel, kommt zugleich eine lockere Chronologie zustande, weil manche Stilrichtungen aufkommen und sich erschöpfen, die wiederum mit bestimmten Themen verbunden sind. Am Anfang steht um 1900 der Piktorialismus, das Bestreben, mit den Mitteln der Fotografie Malerei zu erzeugen. Idyllische Szenen, im Haus oder im Garten, Mutter und Kind, das sind passende Sujets für die impressionistisch angehauchten Bilder einer Imogen Cunningham oder Gertrude Käsebier.

Doch mischt sich die Stadt ein, deren spezifische Reize etwa im Schnee sich piktorialistisch wundervoll zur Geltung bringen lassen, so bei Stieglitz, der mit der – in Hamburg ausgestellten – Zeitschrift „Camera Work“ eine ganze Bewegung organisiert. Parallel zu dieser gutbürgerlichen Kunstfotografie steht die harte Dokumentation eines Lewis Hine. Er sucht Kinder in den Elendsquartieren der Stadt auf, fotografiert aber 1906 auch Einwanderer auf Ellis Island, die skeptisch die Neue Welt betreten.

Später wird die Stadt in ihren Neubauten gefeiert, von Margaret Bourke-White, einer großen Erzählerin mit der Kamera, oder von Andreas Feininger, der ihr gegenüber das statisch-zeitlose Kalenderfoto prägt. Berenice Abbott, die 1927 in Paris noch Atget entdeckt und vor dem Vergessen bewahrt hat, wandelt auf seinen Spuren, nun aber vor den Schaufenstern New Yorks. Weegee, der rasende (Polizei-)Reporter, bannt das Verbrechen mit seinem grellen Blitz, Helen Levitt und Lisette Model sehen in die Gesichter der Zukurzgekommenen, und Jerry Cooke begibt sich gleich ins Irrenhaus, das man damals noch so nannte. Das alles in den dreißiger Jahren, dem Jahrzehnt der größten sozialen und politischen Spannungen.

Viele Fotografen kamen selbst als Einwanderer und Exilanten. Eine Entdeckung ist der Münchner Josef Breitenbach, der fotografische Verfremdungen schuf, während Man Ray, der zwischen New York und Paris pendelte und die Verbindung zum Surrealismus herstellte, seine kameralosen „Rayografien“ schuf. Dorothy Norman, mehr Publizistin als Fotografin, doppelbelichtete Bert Brecht auf der Durchreise 1945. Walker Evans, der doch mit seinen sozialdokumentarischen Serien aus den Südstaaten berühmt geworden war, beobachtete um 1940 mit einer unauffälligen Kleinbildkamera Menschen in der U-Bahn.

Gebräuchlich waren bei allen Fotografen schwergewichtige Mittelformatkameras. Die deutsche Leica, ab1925 die Kleinbildkamera schlechthin, fand erstaunlicherweise in den USA, anders als in Europa, keine Liebhaber.

Und: alles Schwarz-Weiß. Die Hamburger Ausstellung macht deutlich, dass Schwarz-Weiß kein Minus ist, kein Fehlen von Farbe, sondern eine eigene Ausdrucks- und Gestaltungskraft besitzt, die von der Farbe gerade nicht erreicht werden kann. Nur in Schwarz-Weiß lässt sich „mit Licht zeichnen“, wie es das Kunstwort Fotografie wörtlich besagt. Und New York war der Ort, an dem die Fotografie ihre ganze Spannbreite an Möglichkeiten erprobte.

Hamburg, Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt, bis 2. September. Katalog im Hirmer Verlag, 264 S., 29,80 €.

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