Kultur : Im Anfang war der Zweifel

Salzburger Festspiele (1): Stefan Herheim verbannt Mozarts „Entführung“ aus dem Orient – und inszeniert ein psychologisches Experiment

Frederik Hanssen

Worum geht es eigentlich in Mozarts „Entführung aus dem Serail“? Steht der Konflikt zwischen Orient und Okzident wirklich im Mittelpunkt dieses „deutschen Singspiels“ von 1781? Oder geht es trotz allem modisch-muselmanischen Lokalkolorit (die Türkenbelagerung war den Wienern noch lebhaft in Erinnerung) nicht doch eher um das Liebesleben zweier europäischer Paare?

Belmonte, ein junger spanischer Adliger aus bestem Hause, hat sich auf dem Weg gemacht, um seine Verlobte Konstanze zu retten, die gemeinsam mit ihrer Dienerin Blonde und dem Lakaien Pedrillo von Seeräubern verschleppt und an den Bassa Selim verkauft worden ist. Er gibt sich als Baumeister aus und verschafft sich Zugang zum Serail – denn der gebildete Potentat ist allen Künsten zugetan. Osmin, der brutale Oberaufseher, wird mittels Alkohol außer Gefecht gesetzt, die Leitern zur Entführung stehen schon bereit.

Doch Belmonte wie Pedrillo beginnen plötzlich, an der Treue ihrer Geliebten zu zweifeln – geht vom noblen Bassa nicht eine Faszination aus, der Konstanze vielleicht doch erlegen ist? Hat sich Osmin, der die Blonde als „Geschenk“ von seinem Herrn erhielt, sein Besitzrecht erzwungen? Wieviel Zukunft haben die Paare nach diesem doppelten Vertrauenszusammenbruch noch? Und man muss sich fragen,was für ein Leben sie wohl führen werden, zu Hause in Spanien, wohin der noble Türke sie entlassen hat, nachdem ihr Fluchtversuch zwar an seinen Wachen gescheitert war, aber sein Großmut ihnen dennoch den Weg freimachte in die bürgerliche Ehe.

1997, bei der letzten Salzburger „Entführung“, interpretierte Regisseur François Abou Salem das Werk als Geschichte aus dem Nahen Osten, mit viel Stacheldraht und arabischen Schriftzeichen, die wie ein Zeltdach über der Bühne schwebten. Vor wenigen Wochen hat Jerome Deschamps beim Konkurrenzfestival in Baden-Baden (das sich Herbert-vonKarajan-Festspiele nennen darf) die „Entführung“ zur Posse aus Tausendundeine Nacht verniedlicht und mit Kalauern überschüttet. Am peinlichsten geriet ihm ausgerechnet die Schlüsselszene, das Quartett im Finale des ersten Aktes, wenn der erste Schatten des Zweifels auf die Protagonistenpaare fällt: Da mussten Belmonte und Konstanze mit den Armen rudern, um die scheinbar so barock-verzopfte Verhaltensweise des hohen Paares zu karikieren –doch sie entlarvten mit ihrem Gehampel nur die Unfähigkeit des Regisseurs, den Text genau genug zu lesen und auf die Mitteilungen der Musik zu hören.

Sündenfall mit Body-Double

Stefan Herheim, der 32-jährige Norweger, der Mozarts Singspiel zur Eröffnung der diesjährigen Salzburger Festspiele im Kleinen Festspielhaus herausbringt, entwickelt seine Interpretation genau aus jener vermeintlich so schablonenhaften Szene: Sie ist ihm sogar so wichtig, dass er die Pause nach vorne verlegt und Pedrillo im Dialog vor seinem „Frisch zum Kampfe“ unterbricht, um das Quartett nach der Unterbrechung noch deutlicher in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken.

Herheim nämlich erklärt das ganze Orient-Geklingel als überflüssig zum Verständnis der Geschichte. Ja, sogar der Bassa Selim ist ihm entbehrlich. Darum hat er sich von Gottfried Pilz ein abgeschabtes bürgerliches Wohnzimmer bauen lassen und die Sprechrolle gestrichen. Denn dieser fremde Herrscher, findet der Regisseur, existiere nur in den Köpfen der handelnden Personen. Als befremdliche Vision beherrscht er die Fantasie der Paare. Bassa sei der Gegenentwurf zu dem Leben, das sie führen, und repräsentiere die Verlockung, die Alternative.

Vor den Augen der internationalen Musiktheater-Schickeria samt Prince Charles und Camilla Parker Bowles beginnt Stefan Herheim mit seiner Exegese buchstäblich bei Adam und Eva. Nackt, wie der Herr sie erschuf, treten Belmonte und Konstanze (in Gestalt von Body-Doubles) während der Ouvertüre vors verblüffte Publikum. Doch der Sündenfall ist schnell vorbei, die Zwei werden von einer johlenden Menge Heiratswilliger in Frack und Brautkleid gezwängt und vor Osmin geschleppt, der zum schwarzberockten Gottesmann mutiert ist. Stellvertretend für die versammelten Junggesellen formuliert Belmonte nun die Ängste des Bräutigams in der Nacht vor der Hochzeit: „Wie soll ich sie sehen? Wie sie sprechen?“

Es sind die Originalworte des Librettos von Johann Gottlieb Stephanie des Jüngeren, in denen plötzlich neuer, moderner Sinn pocht. Kurz, bevor sie sich für immer verbinden, ergreift die Figuren Panik. Was habe ich gemein mit der Frau, mit der ich die Ringe tauschen soll? Was, wenn wir ganz schnell im Kinder-Küche-Karriere-Sumpf versinken, wenn die Träume verrauchen und wir morgens als Fremde nebeneinander aufwachen!

Natürlich ist Stefan Herheims „Entführung“ eine Provokation. Der mutige Norweger, der bei Götz Friedrich in Berlin Musiktheaterregie studiert hat und zuletzt am Essener Aalto-Theater mit einer sensationellen Umdeutung von Bellinis „Puritani“ reüssierte (die er als höchst unterhaltsame Hinterzimmerstory aus der Pariser Opéra inszenierte), Stefan Herheim also dürfte das Buh-Gewitter am Ende der Vorstellung mit jugendlicher Chuzpe verkraften. Und Peter Ruzicka, seit einem Jahr als Nachfolger von Gerard Mortier Intendant der Salzburger Festspiele, könnte sich womöglich gar die Hände reiben angesichts des zu erwartenden Echos. Denn „restaurativ“, wie mancher seine Programmplanung genannt hat, ist diese „Entführung“ in ihrer psychologischen Neudeutung gewiss nicht. Die Rückkehr zur Kulinarik jedenfalls, die sie sich manche Augenzeugen der Ära Karajan noch immer sehnlichst wünschen, findet zum Festspielauftakt 2003 nicht statt.

Musikalisch hat selbst der verwöhnteste Opernaficionado nichts auszusetzen. Ivor Bolton fordert das Salzburger Mozarteum Orchester bis zum Äußersten, lässt rasant, oft auch ruppig und niemals mozartkugelig spielen. Bolton, der mit dem Münchner Opernorchester manche Heldentat im Barockrepertoire vollbracht hat, weiß, wie man traditionellen Ensembles den Sound der historischen Aufführungspraxis entlockt. Und weil er ab Herbst der neue Chefdirigent des Mozarteum Orchesters ist, legen sich die Musiker besonders ins Zeug.

Basta ohne Bassa

Auch Diana Damrau, die neue Diva unter den Koloratursopranistinnen, lässt sich als Blonde auf jede Verrenkung ein, ohne dass ihr dabei ein Spitzenton abhanden käme. Jonas Kaufmann gibt einen heldischen, tenoral furchtlosen Belmonte, Dieter Kerschbaum sekundiert ihm als nicht minder mutiger Pedrillo. Eine strenge, auch vokal herbe Schönheit ist Iride Martinez (Konstanze), der typische polternde Koloss dagegen Peter Rose als Osmin. Allesamt Spitzensänger also, die sich gewiss nicht ohne weiteres auf gewagte Interpretationen einlassen. Ihr rückhaltloses Engagement spricht für die Probenarbeit des jungen Herheim.

Dennoch ist sein Salzburger Coup in der Rezeptionsgeschichte der „Entführung aus dem Serail“ eher ein Seitschritt als ein Fortschritt. Denn Herheim verzettelt sich im eigenen Ideenreichtum, überfrachtet die Szene mit Einfällen (und äußerst lässlichen Videoprojektionen der Berliner Produktionsfirma fettFilm) und lässt sich dazu hinreißen, über Gebühr Slapsticks einzubauen. So zerfällt der lange Abend eigentlich in zwei Inszenierungen: in eine ernste, die auf bewegende Weise nach dem Sinn und den Risiken dauerhafter Liebesverbindungen fragt, und in eine komödiantische, die das Singspiel mit tausenderlei Gags als Möglichkeit zeitgenössischen Musiktheaters retten will. Jede Ebene für sich bietet lohnenswerte Details, als Parallelhandlungen aber streben sie auseinander.

Und wie windet sich Herheim am Ende heraus, ohne den Begnadigungsschluss durch den Bassa? Er bedient sich dabei eines Tricks, den er schon vorher angewendet hat: Er lässt die Librettoverse von Mund zu Mund vagabundieren. Mal spricht dieser mit Bassas Zunge, mal jener, bis Pfarrer Osmin der Kragen platzt – und er zusammenzwingt, was vielleicht gar nicht zusammengehört.

Unter den finalen Jubelklängen findet vor der Kulisse von Salzburg eine Massentrauung statt. Ob dieses Ende versöhnlich gemeint ist, bleibt offen Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Für Stefan Herheim ist es manchmal auch ein fauler.

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