Kultur : Im Auge des Entdeckers

Reisen und Schreiben: Der Schriftsteller Cees Nooteboom wird heute 70 Jahre alt

Rolf Brockschmidt

Er war immer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Auch im Pariser Mai 1968 . Er erlebte die großen Demonstrationen, die Diskussionen, den Atem der Revolution und das Gefühl, Zeuge einer historischen Situation zu sein, vom ersten Tag an: „Was diese Demonstration letztendlich bewirken wird, kann ich nicht abschätzen. Doch es ist das definitive Ende einer Ära, und das nicht nur in Frankreich“, schrieb der 34-jährige Cees Nooteboom als Reporter für seine Zeitung „de Volkskrant“. Dies kann man jetzt auch in dem soeben erschienenen Bändchen „Paris, Mai 1968“ (edition suhrkamp) nachlesen, das Nootebooms Reportagen aus jenen Tagen erstmals auf Deutsch präsentiert. Als es bald darauf zu Neuwahlen kommt, besucht Nooteboom ein Wahllokal in der französischen Provinz: „Ich sehe ihre stimmabgebenden Beine unter den grünen Baumwollvorhängen, alle allein mit sich selbst und dem seltenen Augenblick, in dem sie etwas zu sagen haben beziehungsweise glauben, es wäre so." Eine lapidare Beobachtung – und ein typischer Nooteboomsatz, der das ganze Dilemma der gescheiterten Revolte bezeichnet.

Seine Reportagen sezierten den Augenblick – ohne Spekulation über die Zukunft. Das macht auch seine „Berliner Notizen“ in ihrer Mischung aus Wahrnehmung historischer Ereignisse, philosophischer Reflexion und privaten Eindrücken so reizvoll. Sie beschreiben die Stimmung im Deutschland der Jahre 1988/89 wohl besser als jedes andere Buch – durch die erhellende Perspektive des Außenstehenden. Und auch hier zeigte sich Nooteboom als mitfühlender Beobachter, nicht anders als 1956 in Budapest.

In den Niederlanden galt Nooteboom, trotz seines fulminanten literarischen Debüts als Zweiundzwanzigjähriger 1955 mit der neoromantischen Erzählung „Philip und die anderen“ (jetzt neu übersetzt von Helga van Beuningen; bei Suhrkamp erschienen), zunächst als Reiseschriftsteller. Für „de Volkskrant“ und die Illustrierte „avenue“ hat er die Welt besucht und die literarische Reiseerzählung in den Niederlanden als Gattung etabliert. Ab 1953 reiste er durch Europa, heuerte als Matrose an und entdeckte schreibend alle Kontinente. Das Reisen wurde seine Daseinsform, er führt ein „zwervend bestaan“, eine rastlose Existenz – mit dem Heimathafen Amsterdam. Nooteboom versteht es, aus einer spezifischen Beobachtung, einer vertieften Beschäftigung mit einem Buch oder einem Ereignis etwas zu erzeugen, das den Leser heimisch werden lässt in der für ihn fremden Welt. Gerade die Kombination von historisch-kulturellem Wissen und Erlebtem gelingt ihm meisterhaft. Seine Reportagen aus Spanien, Deutschland, Irland, England, Frankreich, Afrika, den USA, Australien, Lateinamerika, der Karibik, Burma, Japan und Thailand, sie waren immer mehr als journalistische Reportagen.

Dennoch haben ihm diese Texte in seiner Heimat den Durchbruch als Autor erschwert. Das Odium des Reiseschriftstellers haftete ihm an, als seien seine nach „Philip und die anderen“ erschienenen Bücher dadurch weniger wert. Wer die Gedichte, die Romane und Erzählungen liest, wird erkennen, dass sie alle aus einer Quelle schöpfen, dass viele der schönsten Gedichte Nootebooms, wie über den japanischen Lyriker Basho aus dem 17. Jahrhundert, ohne das Reisen undenkbar wären.

In Deutschland nahm seine Karriere einen anderen Verlauf. Mit den „Berliner Notizen“ und der im „Literarischen Quartett“ des ZDF hymnisch gepriesenen Erzählung „Die folgende Geschichte“ wurde er 1991 auf einen Schlag bekannt. Und für den deutschen Leser ist Nooteboom ein Schriftsteller, der viele Genres beherrscht. Es scheint geradezu, als hätte er hier sein wahres Publikum gefunden – mit einer besonderen Fan-Gemeinde in Berlin, der Stadt, die ihm immer wieder Stoff geliefert hat („Rückkehr nach Berlin“, „Allerseelen“) und der er durch seinen DAAD-Aufenthalt 1988/89 viel verdankt.

Der deutsche Ruhm teilte ihm auch neue Rollen zu: Er wurde Deutschland-Experte in den Niederlanden, trat in Talkshows auf, half, deutsch-niederländische Beziehungen zu befördern. Mit seinem Erfolg in Deutschland wuchs auch das internationale Ansehen: in Frankreich, Spanien und den USA. Das Reisen als Prominenter geriet ihm da mehr und mehr zur Pflicht – „Das Auge des Entdeckers“, wie ein Gedicht heißt, bekommt weniger zu sehen. Auch das Schreiben drohte dabei zu seinem eigenen Leidwesen zu kurz zu kommen, wäre da nicht immer wieder sein spanisches Refugium auf der Baleareninsel Menorca.

Geschmerzt hat es ihn allerdings, in seiner niederländischen Heimat nicht so hoch geschätzt zu werden wie im Ausland. Und obwohl Cees Nooteboom ein bescheidener Mensch ist, dürfte es ihn freuen, dass der Suhrkamp Verlag im Oktober die Edition der auf acht Bände angelegten Gesammelten Werke mit drei Bänden startet. Sie ist nicht einfach eine Zusammenstellung bisher erschienener Titel, sondern wird ergänzt um vieles, was eigens übersetzt wird. So wird er denn in Deutschland bereits zum Klassiker geadelt. Ein schönes Geschenk zu seinem 70. Geburtstag, den er heute feiert.

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