Kultur : Im Auge des großen Rühreis

PETER HERBSTREUTH

Früher hätte man Städte und Länder wie Spiegeleier angelegt.Heute wären Rühreier daraus geworden.Es gäbe keine klar definierten Zentren mehr, sondern ein Mischmasch aus zunehmend privaten und abnehmend öffentlichen Räumen.Und es läge an Künstlern, den Sinn des Öffentlichen zurückzuerobern.Freundlicher Beifall im vollbesetzten Glashaus für den Moderator Georg Schöllhammer aus Wien, der mit einem Rundumschlag die Podiumsdiskussion zur Eröffnung des "O.K Linz" einleitete, um zu fragen, welche Räume "die Kunst" brauche.Linz gehört freilich, trotz "Ars Electronica", zur Peripherie.Deshalb war es klug, sogleich von Rühreiern zu sprechen und sich in die Zentren hineinzumischen."Das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe bekommt Konkurrenz," hatte die Leitung unter Martin Sturm bereits vor der Eröffnung des Forums angekündigt.Das "O.K" (Offenes Kulturhaus) ist programmatisch auf cross-over ausgerichtet, institutionell auf Vernetzung.Es versucht die Produktionsbedingungen in den Bereichen bildende Kunst, neue Musik und elektronische Medien zu stärken.Das Haus versteht sich als eine Einrichtung für Künstler, die ausstellen und ausprobieren wollen.Deshalb versucht es mit anderen Künstlerhäusern zu kooperieren.

Bis spät in die Nacht ist das "O.K" zugänglich.Außer Bistro und Kino beherbergt das fünfgeschossige Gebäude Appartments, Medienwerkstätten, Festsaal, Büros, sieben Schauräume und - als architektonische Krönung - eine zweistöckige gläserne Multi-Media-Lounge auf dem Dach für Vorträge, Empfänge, Tanz mit weitem Blick über Linz.Stünde ein Haus wie dieses in Berlin, wären einige Probleme des Mittelbaus gelöst.Doch in Linz war es eher politischer Wille mit Sinn für Image-Pflege als praktische Notwendigkeit für die Vermittlung von künstlerischer Ideen, ein solches Flagschiff zwischen Wien und Salzburg zu unterhalten.

Der denkmalgeschützte Bau im Zentrum der Stadt diente seit den 30er Jahren als Gymnasium.Die Aufgabe bestand nun darin, die Schule den Bedürfnissen eines Künstlerhauses anzugleichen.Der Linzer Architekt Peter Riepl öffnete den Bau dem Licht, verlegte den Eingang in die Mitte des langen Kubus, setzte ein helles Lift- und Treppenhaus hinter den Riegel und gibt dem Besucher durch ein Atrium Orientierung.Das Transparenz-Konzept wird vervollständigt durch eine gläserne Dachzelle; sie findet ihr Gegenstück in der tiefgrauen Graphitfassade, die den sachlichen Baukörper von Fassaden mit ländlichen Blumenfriesen in Ocker, Rosa und Blau entlang des Marktplatzes abhebt.Mehr als die Hälfte der Gesamtfläche von 3300 Quadratmetern stehen für Ausstellungen und Ateliers zur Verfügung.

Eine im Dreijahrestakt wechselnde Jury besorgt die Auswahl von projektbezogenen Stipendien.Linz, dessen Industrie noch vor Jahren Millardenverluste durchstand, budgetiert die Kunstmaschine mit etwa 2,4 Millionen DM pro Jahr.Wie in Österreich üblich hat das "O.K" gleich zwei dicke Kataloge produziert und eine Schau zum "Archiv X" gemacht.Doch Ausstellungen zum "Speicher" und "Depot" fördern eher Vorschläge für beliebige Gegenordnungen zutage.Wenn alles beliebig wird, sind Humoristen im Vorteil.Klaus Brombacher stellte Platten aus gehäckselten Ölbildern eines Malers vor und bot diesen Dienst an der Kunst mit dem Schredder anderen Maler an, um "über Aura und Orginalität künstlerischer Arbeiten nachdenklich zu stimmen".Das Schnipselgut könne, so Brombacher, als Baumaterial und Möbel neue Bestimmungen finden.Clegg & Guttmann sammelten Werkdokumentationen der beteiligten Künstler, intergrierten kommentarlos Kinderspielzeug, vernetzten die Bestände und sorgten mit alten Vitrinen für den Geruch aus Sammlungen vergangener Jahrhunderte.

Die Stipendiaten Biefer / Zgraggen aus Zürich laborieren gerade an einer Testreihe über "Retrovision", lassen Grenzen zwischen Sinn und Unsinn ineinandergleiten.Ihre neue Skulpturen beschreiben sie "als Vorgriff auf das Morgen mit den Mitteln von heute und dem Wissen des Gestern", weisen aber Institutionskritik von sich.Ende November wird das "O.K" in Kooperation mit dem Berliner Werkbundarchiv auf den Euro einstimmen, mit der Ausstellung "Sozialmaschine Geld": zur kulturellen Dimension von Zahlungsmitteln .Bis dahin wird sich zeigen, ob die Absichtserklärungen über Medialität und Öffentlichkeit mehr als Ideen der Werbeabteilung waren.

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