Kultur : Im Auge des Orkans

Als die Frage, ob gegenständlich oder abstrakt zu malen sei, noch einem ideologischen Glaubensbekenntnis gleichkam, begannen einige Maler dagegen zu protestieren.Der Aufruhr begann in München, oder genauer, wie die Historie der Gruppe "Spur" vermerkt, 1958 in einer Bierzelt-Ausstellung zu dem Thema "Der Bierfilz im modernen Leben", die von der Münchner Brauerei-Genossenschaft unter Protest geschlossen wurde.Der Spur-Schreiber notierte: "Handgemenge mit Prem, Ober trug einen Prembiß davon.Sturm hat die Staatsgewalt mit seinem Bauch bedroht."

Jener bedrohliche Bauch gehörte Helmut Sturm, der mit den Malern Heimrad Prem, HP Zimmer und dem Bildhauer Lothar Fischer bald mehr als nur die Liebe zum Wirtshausleben teilte.Die Gruppe wollte mit allen Sinnen Kunst als Erweiterung des Wirklichen auskosten.Sogenannte "Antiobjekte" und Gemeinschaftswerke entstanden.Der kollektive Schwung trug die Gruppe auch über einen Prozeß, der ihnen Pornographie und Gotteslästerung vorwarf.Von Helmut Sturm besitzt die Nationalgalerie dank der Schenkung von Otto van de Loo einige Werke.Mehr kann man jetzt in der Galerie Gunar Barthel sehen.

Eine pastose Malerei von 1960 läßt direkt ins Auge des Orkans blicken.Strudel, Wirbel, Kreise ratschen in dicken Pinselstrichen aneinander vorbei, bedrängen sich, versprühen Kraft.Eine vage Ähnlichkeit mit Grimassen, mit verspannten und gequälten Gesichtszügen ist den Farbflecken nicht abzusprechen.Doch für Details hatte Sturms Malerfaust damals keine Geduld, die herausgelassene Kraft fegte alles übrige vom Feld.

Daß Sturm in dieser Zeit auch zarte, schwebende Formen malen konnte, belegen zwei kleine Blätter in transparentem Grau.Sie sind 1958 in Paris entstanden, wohin Sturm ein französisches Stipendium gebracht hatte.Dort sprang der Funke von der Situationistischen Internationalen auf die Gruppe Spur über - 1962 allerdings wurden die Münchner wegen Festhaltens an der Bilderproduktion wieder ausgeschlossen.Sturm scheinen diese gruppendynamischen Exorzismen wenig angefochten zu haben, denn er gehörte auch zu den Mitbegründern der Gruppen "Geflecht" (ab 1966) und "Kollektiv Herzogstraße" (ab 1975).

Sich verschiedenen Energien und Kraftschüben zu öffnen und sie in eine - wenn auch nur flüchtige - Balance zu bringen, bleibt über die Jahrzehnte das Thema seiner Bilder.Eine blaugraue Malerei von 1987, in deren Tiefe ein wenig Rostrot und Orange vergraben ist, hält das Lebendige des Malprozesses fest in dicker Farbe, zerknautscher Zeitung und weggerissener Oberfläche.Breite Farbbalken stoßen in die Tiefe, doch die perspektivische Flucht, die sie öffnen, wird durch ein flächiges Überstreichen der anstoßenden Felder zurückgenommen.So bleibt eine gegenläufige Dynamik erhalten. KBM

Galerie Gunar Barthel, Fasanenstraße 15, bis 5.Dezember; Dienstag bis Freitag 11-19 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.

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