Kultur : Im Auge des Tigers

Dschungelbilderbuch für Seelenwanderer: „Tropical Malady“, ein atemberaubender Film aus Thailand

Christiane Peitz

Okay, Arthouse-Filme aus Thailand haben nicht gerade das Zeug zum Blockbuster. Auch der Name des Regisseurs ist für Werbezwecke eher ungeeignet. Wie das klingt: Schon den neuen Apichatpong Weerasethakul gesehen? Und doch übten letztes Jahr auf dem Filmfestival in Cannes alle den Namen des 35-Jährigen aus Bangkok. Nicht weil er als erster Thailänder am weltweit wichtigsten Filmwettbewerb teilnahm, sondern weil die Bilder von „Tropical Malady“ das Publikum gleichermaßen begeisterten und bestürzten. Allein der leuchtende Baum!

Nacht. Dschungel. Drei Farben Grün, tausend Farben Dunkelheit. Ein Soldat ist auf Pirsch nach dem Tiger, der Tiere und Menschen anfällt. Es ist schrecklich still bei seinem Fußmarsch ins Herz der Finsternis. Eine tosende Stille: Der Wind rauscht, Äste knacken, Tiere flüstern, brüllen, zirpen, krächzen, summen – Kakophonie der Wildnis. Und dann steht da plötzlich dieser von Glühwürmchen illuminierte, in pulsierendem Licht gleichsam atmende Baum. Ein unglaubliches Bild. Seelenvision, Traumgesicht, Nachtmahr – so etwas sah man zuletzt bei Tarkowsky. Wenig später blickt der Soldat in die leuchtend grünen Augen des Tigers. Ein Mensch voller Todesangst steht einer wunderschönen Bestie gegenüber. Vielleicht suchen wir diese Konfrontation insgeheim ja immer, wenn wir ins Kino gehen oder in die Oper. Den Moment der Überwältigung – und der Panik davor.

Das Verrückte an Apichatpong Weerasethakul ist die Leichtigkeit, mit der er seine Schamanen-Oper hinzaubert. Postmodern und prähistorisch nennen amerikanische Kritiker sein Dschungelbilderbuch, schreiben von Offenbarung und Seelenwanderung. Wer immer sich zu Weerasethakuls viertem Spielfilm äußert, sucht euphorisch und hilflos nach großen Vokabeln. Wie um Himmels willen soll man von diesen Rätselbildern erzählen?

Es fängt schon damit an, dass „Tropical Malady“ eigentlich zwei Filme sind. In der ersten Hälfte geht es um zwei Freunde. Ein Junge vom Land (Sakda Kaewbuadee), der in einer Eiswürfel-Fabrik jobt, und ein Ex-Soldat (Banlop Lomnoi) – womöglich sind sie ein Liebespaar. Sie tollen herum wie kleine Tiere, bringen den krebskranken Hund zum Veterinär, singen Karaoke, besuchen einen Höhlentempel und sagen „Ohne dich sterbe ich“ oder „Ich schenke dir mein Herz“. Aber es klingt wie „Lass uns zu McDonald’s gehen“. Manchmal grinsen sie wie blöd, ein Reflex auf die notorische Heiterkeit im Land des Lächelns. Immer wieder schauen Paare und Passanten in die Kamera, verschämt oder verschmitzt – eine verspielte Verschwörung der Blicke.

Nach einer Stunde bricht die zärtlichkomische Männerlebensskizze einfach ab. Die beiden sind mit dem Moped gefahren, Easy Rider auf Asiatisch, sie haben angehalten, einander an den Händen abgeschleckt, sexuelle Erregung, das erste Mal. Der Staubwolke des Mopeds folgt ein Zwischentitel – „a spirit’s path“ – und die Geisterstunde im Dschungel. Jetzt begegnet der Soldat seinem Liebsten als Wiedergänger, als nackter Schamane. Vielleicht ist dieser leuchtend-düstere Stummfilm mit zwischengeschnittenen Höhlenmalereien von wilden Tieren ja das somnambule Delirium zum Tagtraum von den glücklichen Tropen. Die B-Seite zur A-Seite, Reminiszenz und erotische Halluzination: die Legende vom Tier im Menschen, von Jäger und Beute, Todeskampf und Liebesspiel, Anima und dem Animalischen. Ein Affe spricht (in Untertiteln!), ein Phantom-Büffel bewegt sich durchs Gebüsch – Odyssee zweier Einsamkeiten. Weerasethakul lädt zur Zeitreise in Parallelwelten: ins Kino gegangen, gestaunt.

Apichatpong Weerasethakul arbeitet in seiner Heimat außerhalb des dort sehr strikten Studiosystems, als Filmemacher wie als Videokünstler. Ein Verweigerer, ein Spieler, ein poetischer Anarchist: In seinem 2002 ebenfalls in Cannes in einer Nebenreihe gezeigten Film „Blissfully Yours“ folgte der Vorspann nach einer Dreiviertelstunde. Manchmal genügt es, den Fluss der Bilder ins Trudeln zu bringen, um die Dämonen zu entfesseln.

OmU. In Berlin ab Donnerstag im Filmkunst 66, fsk am Oranienplatz, Hackesche Höfe, Xenon

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